Entwicklung und Ergebnisse von
molekülspektroskopischen Untersuchungen
extragalaktischer Objekte
Sterne entstehen in kalten
Molekülwolken.
Deren räumliche
Verteilung bestimmt nicht nur die Verteilung der nächsten
Generation
junger Sterne sondern auch Gesamthelligkeit und Farbe eines
Sternsystems
mit Milliarden von Sonnen. Die Kenntnis dieser Verteilung sowie der
physikalischen
und chemischen Eigenschaften des molekularen Gases sind daher
Voraussetzung
für unser Verständnis von Galaxienentwicklung,
Sternentstehung
und
"Aktivität"
galaktischer Kerne. Es folgen ein kurzer
historischer
Abriß, eine Skizze der beobachteten großräumigen
Verteilungen,
eine Beschreibung des Megamaserphenomens in aktiven galaktischen Kernen
sowie eine vorläufige Bilanz zur Suche nach "Protogalaxien".
Eine kurze Geschichte der extragalaktischen
Molekülspektroskopie
Kühle interstellare Gaswolken mit Temperaturen in der Nähe
des
absoluten Nullpunkts (-273 Grad Celsius) und Teilchendichten von 10
2
bis 10
6 pro Kubikzentimeter (das sind 13 bis 17
Größenordnungen
weniger als die in Meereshöhe gemessenen atmosphärischen
Werte)
können dank der Entwicklung der Molekülspektroskopie im
Radiobereich
des elektromagnetischen Spektrums seit Anfang der siebziger Jahre
systematisch
untersucht werden. Die für atmosphärische Verhältnisse
extrem
diffusen, für interstellare Verhältnisse dagegen
äußerst
dichten Wolken sind sehr ausgedehnt, besitzen ausgeprägte
räumliche
Substruktur und können Durchmesser von mehr als 100 Lichtjahren
erreichen.
"Riesenmolekülwolken" mit etwa 10
5 Sonnenmassen sind in
der Milchstraße keine Seltenheit. Hier stellt sich natürlich
sofort die Frage, ob derartig ausgedehnte massereiche Gaswolken nur in
unserem Sternsystem existieren können. Zumindest bei "normalen"
Elementhäufigkeiten
ist das Vorhandensein von Molekülwolken entscheidende
Voraussetzung
für die Bildung neuer Sterne. Da junge Sterne auch in anderen
Galaxien
beobachtet werden, liegt es nahe, auch dort Molekülwolken zu
vermuten.
Um den großen Sprung von galaktischen zu
extragalaktischen Objekten
richtig einzuschätzen, sollten wir uns zunächst den
großen
Entfernungsunterschied vergegenwärtigen. Während
charakteristische
Distanzen auffälliger galaktischer Molekülwolken zwischen 500
und 30000 Lichtjahren liegen, befinden sich
nahegelegene Galaxien mit starker
molekularer Komponente in einer typischen Entfernung von 10 Millionen
Lichtjahren. Wenn wir jetzt noch
berücksichtigen,
daß die Helligkeit einer Wolke mit dem Quadrat ihres Abstandes
reduziert
wird, kommen wir auf Helligkeitsunterschiede von mehr als fünf
Größenordnungen
(> 105)! Neue Teleskope, vor allem aber zahlreiche
Verbesserungen
in der Empfängertechnologie haben in den letzten Jahrzehnten die
astronomischen
Möglichkeiten im dm-, cm- und mm-Wellenbereich entscheidend
erweitert.
Schon zu Anfang der siebziger Jahre, also zu einer Zeit
in der die intensive
Erforschung galaktischer Molekülwolken gerade erst begann,
gelangen
- trotz der großen Entfernungen - erste extragalaktische
Entdeckungen.
Diese frühen Erfolge beruhen auf einem Kunstgriff, der die
Nachteile
großer Entfernungen auf geschickte Weise umgeht. Die
Intensität
der Absorptionslinien in Richtung auf starke extragalaktische
Radiokontinuumquellen
hängt von ihrer optischen Tiefe und der Intensität des
absorbierten
Radiokontinuums ab. Der erste Parameter ist entfernungsunabhängig.
Radioquellen großer Stärke gibt es sowohl in geringer als
auch
in großer Entfernung. Auf diese Weise wurde schon 1971 am
California
Institute of Technology das Hydroxylradikal OH in den Galaxien NGC 253
und M82 nachgewiesen. Extragalaktisches Formaldehyd (H2CO)
wurde
einige Jahre später auf ähnliche Weise von einer
australischen
Gruppe gefunden (siehe Tabelle 1). Ein Nachteil derartiger
Untersuchungen
soll hier nicht verschwiegen werden: die Messungen sind auf das relativ
kleine Raumvolumen unmittelbar vor der normalerweise sehr kompakten
Kontinuumquelle
beschränkt.
Tabelle: Entdeckung von Moleküllinien in
Galaxien
| Molekül |
Jahr der Entdeckung |
Wellenlänge |
Zahl der beobachteten Galaxien |
Art der Spektrallinien a) |
Teleskop b) |
| OH |
1971 |
18 cm |
~ 100 |
M, A |
Owens
Valley, USA |
| H2CO |
1974 |
6,2 cm |
~ 10 |
M, QTE, A |
Parkes
64 m, Australien |
| CO |
1975 |
2,6 mm |
~ 1.000 |
QTE, A |
Kitt Peak 12 m,
USA |
| H2O |
1977 |
1,3 cm |
~ 25 |
M |
Effelsberg
100 m |
| HCN |
1977 |
3,4 mm |
~ 35 |
QTE, A |
Kitt Peak 12 m, USA |
| H2 |
1978 |
2,1 µm |
~ 70 |
QTE |
Steward
Observatory 2,3 m, USA |
| NH3 |
1979 |
1,3 cm |
2 |
QTE, A |
Effelsberg 100 m |
| HCO+ |
1979 |
3,4 mm |
~ 30 |
QTE, A |
Bell Labs 7 m, USA |
| CH |
1980 |
9,1 cm |
8-9 |
M, QTE, A |
Parkes 64 m, Australien |
| CS |
1985 |
3,1 mm |
~ 30 |
QTE, A |
Bell Labs 7 m, USA |
| C3H2 |
1986 |
1,6 cm |
4 |
QTE, A |
Green Bank 43 m, USA |
| CH+ |
1987 |
0,42 µm |
1 |
A |
ESO, Chile |
| CH3OH |
1987 |
3,1 mm |
5 |
QTE |
IRAM 30 m,
Spanien |
| CN |
1988 |
2,7 mm |
8 |
QTE, A |
IRAM 30 m, Spanien |
| C2H |
1988 |
3,4 mm |
7 |
QTE |
IRAM 30 m, Spanien |
| HNC |
1988 |
3,3 mm |
15 |
QTE |
IRAM 30 m, Spanien |
| HC3N |
1988 |
3,3 mm |
3 |
QTE |
IRAM 30 m, Spanien |
| HNCO |
1989 |
3,4 mm |
3 |
QTE |
IRAM 30 m, Spanien |
| SO |
1991 |
3,0 mm |
4 |
QTE |
Onsala 20 m,
Schweden |
| N2H+ |
1991 |
3,2 mm |
6 |
QTE |
IRAM 30 m, Spanien |
| SiO |
1991 |
3,5 mm |
2 |
QTE |
IRAM 30 m, Spanien |
| CH3C2H |
1991 |
2,9 mm |
2 |
QTE |
IRAM 30 m, Spanien |
| CH3CN |
1991 |
3,3 mm |
2 |
QTE |
IRAM 30 m, Spanien |
| OCS |
1995 |
3,2 mm |
2 |
QTE |
IRAM 30 m, Spanien |
a) M = Maser; QTE = Quasithermische Emission; A
= Absorption
b) IRAM = Institute de Radioastronomie
Millimetrique
Der entscheidende Durchbruch erfolgte 1975 mit der
Entdeckung des Kohlenmonoxids
(CO) in NGC 253 und M82. Die beobachtete Linie bei Lambda = 2.6 mm
emittiert
"quasithermisch", d.h. die Linienintensitäten werden nicht von
einer
im Hintergrund stehenden Radioquelle, sondern von der Temperatur des
molekularen
Gases selbst bestimmt. Hier gelang zum ersten Mal der Nachweis eines
Moleküls
in einem extragalaktischen System bei voller Gültigkeit der
reziproken
quadratischen Beziehung zwischen Helligkeit und Entfernung. Damit war
es
nun, zumindest im Prinzip, erstmals möglich, die Verteilung und
Masse
dieser "neuen" mit der Sternentstehung eng verknüpften
Gaskomponente
quantitativ zu erfasssen.
Der Erfolg bei der Suche nach extragalaktischem CO war
nicht zufällig:
CO gehört in der Milchstraße zu den häufigsten
interstellaren
Molekülen, ist vergleichsweise stabil, kann bei allen relevanten
Dichten
beobachtet werden und besitzt die stärksten Linien im
mm-Wellenbereich.
Wolken, in der 2.6mm CO Linie kartiert, erscheinen daher besonders
ausgedehnt.
Dies ist entscheidend, da bei den eingangs erwähnten niedrigen
Wolkentemperaturen
(etwa -270 bis -150 Grad Celsius) nur dann ein quasithermisches Signal
zu beobachten ist, wenn ein wesentlicher Teil des mit der Teleskopkeule
überdeckten Himmelsareals auch tatsächlich Linienstrahlung
aussendet.
In den folgenden Jahren konnte dann auch quasithermische Emission von
HCN
(Blausäure) und HCO+ (Formylkation) nachgewiesen
werden.
Um letztere Moleküle "sehen" zu können, sind wesentlich
höhere
Dichten erforderlich (104 statt 102 Teilchen pro
Kubikzentimeter). Da solche Dichten nur selten erreicht werden, sind
die
HCN und HCO+ Emissionlinien auf kleinere Volumina
beschränkt;
die Linien sind dementsprechend 10 bis 100 mal schwächer.
Trotz dieser Erfolge konnten in den siebziger Jahren nur
vereinzelte
molekulare Stichproben vorgenommen werden. Erst seit Beginn der
achziger
Jahre wird CO in verschiedenen Klassen von Galaxien systematisch
beobachtet.
Zahlreiche Spiralgalaxien wurden von einer amerikanischen Gruppe am
FCRAO
(Five College Radio Astronomy Observatory) gemessen; seit Mitte der
achziger
Jahre werden auch
"IRAS"
Galaxien, Objekte mit starker Staubemission im
fernen Infrarot, systematisch beobachtet. Nicht nur Spiralgalaxien,
sondern
auch elliptische (z.B. Cen A)
und einige irreguläre
Galaxien wurden beobachtet. Parallel dazu wurde von einer Gruppe am
Max-Planck
Institut für Radioastronomie in Bonn die Zahl der extragalaktisch
nachgewiesenen Moleküle mit dem
30m-IRAM-Teleskop auf 24
erhöht
(Tabelle 1)
. Eine Analyse dieser Daten führte zu
wesentlichen
Beiträgen zur chemischen und physikalischen Beschaffenheit des
Gases.
Großräumige Verteilung
Wenn wir annehmen, daß die CO Intensitäten direkt mit der
Menge
des molekularen Materials korreliert sind, ergibt sich unabhängig
vom Galaxientyp ein eindeutiger Befund: Die Verteilung des molekularen
Gases beschränkt sich auf die inneren Bereiche. In Spiralgalaxien
wird CO meist nur im inneren Viertel der optisch sichtbaren Galaxie
beobachtet,
wobei die CO Emission den Spiralarmen zu folgen scheint. Offenbar ist
unsere
Milchstraße in dieser Hinsicht nicht ungewöhnlich. Von innen
nach außen gehend, zeigt sie starke CO Emission im Zentrum (bis
zu
einer radialen Distanz von etwa 1500 Lichtjahren), eine breite
"CO-Lücke"
und einem Molekülring (bei etwa 15000 Lichtjahren), der schon in
Sonnenentfernung
(25000 Lichtjahre) nur noch schwach ausgeprägt ist. Bei Sc
Spiralen
beobachten wir starke CO Emission im Zentrum, die nach außen hin
schnell schwächer wird. Die Verteilung der Sb Galaxien kann
ähnlich
sein; mitunter wird aber ein molekularer Ring beobachtet, während
CO im Zentrum nicht beobachtet wird. Ein klassiches Beispiel für
eine
derartige Verteilung war der
Andromedanebel
(M31), das größte
Objekt unserer lokalen Gruppe. Hier existiert ein CO-Ring bei einem
Radius
von etwa 20000 Lichtjahren. Inzwischen wurde aber auch im Zentrum
molekulares
Gas nachgewiesen. Die CO Leuchtkraft dieser "neuen" Komponente ist sehr
gering. Aufgrund ganz ungewöhnlicher Anregungsbedingungen
wäre
es aber voreilig, in diesem Fall auf eine niedrige Masse zu
schließen.
In Galaxien frühen Typs (S0 und elliptischen
Galaxien) wurde das
molekulare Gas in vielen Fällen von Nachbargalaxien akkretiert.
Darauf
weisen sowohl ein Mangel an Korrelation zwischen stellarer und
interstellarer
Masse als auch Anomalien in der Radialgeschwindigkeitsstruktur hin.
Wesentlich
ist hier, daß die Effektivität mit der in Moleküwolken
Sterne entstehen nicht von der Existenz von Spiralarmen abhängt.
Eine
weiterer interessanter Punkt ist die räumliche Beziehung zwischen
den aus dem Kern leuchtkräftiger (elliptischer) Radiogalaxien
herausschießenden
"Radiojets"
und den mitunter Teile der Galaxien bedeckenden Staubstreifen
und Ringen. Die durch die Staubringe definierten Ebenen liegen
senkrecht
zu den Jets, d.h. die Rotationsachsen der Staubringe orientieren sich
(anti-)
parallel zur Jetrichtung (die Radiogalaxie
Cen A ist
ein Paradebeispiel für diesen Zusammenhang). Wir können
vermuten,
daß ein Teil des Materials der oft weit außen liegenden
Staubringe
in das Zentrum gelangt ohne die Erinnerung an seinen Drehsinn zu
vollständig
zu verlieren. Das in das Zentrum fließende Material mag dann
zusammen
mit einem dort befindlichen supermassiven Objekt für die
beobachteten
kompakten Radioquellen mit assoziierten Jets verantwortlich sein.
Ein ebenfalls interessantes Bild zeigen Galaxien, die
fast ihre gesamte
Energie im fernen Infrarot abstrahlen und dabei die 100-fache
Helligkeit
unserer schon recht leuchtkräftigen Milchstraße erreichen.
Es
handelt sich hier um kollidierende Sternsysteme, deren in das
gemeinsame
Zentrum fallende Gas und Staubmassen einen sogenannten "Starburst" mit
extrem hohen Sternentstehungsraten induzieren. Die neu gebildeten
massereichen
und z.T. extrem leuchtkräftigen Sterne heizen den Staub und
indirekt
auch das Gas auf ungewöhnlich hohe Temperaturen auf. Da schon ein
geringer Anstieg der Temperatur zu einer wesentliche Erhöhung der
abgestrahlten Energie führt, können wir diese Galaxien als
Leuchttürme
im "nahen" Universum betrachten. Die nahsten Galaxien dieses Typs
besitzen
Rotverschiebungen von mehr als 3000 km/s
Interessant
ist, daß die vom aufgeheizten Staub herrührende
Emission im fernen Infrarot sowie die damit assozierten
Molekülwolken
meist auf die zentralen 3000 Lichtjahre beschränkt bleiben.
Mega- und Gigamaser
In extragalaktischen Objekten können zahlreiche Phenomene
beobachtet
werden, die es in dieser Form in unserer Milchstraße nicht gibt.
Dazu gehören z.B. die morphologische Vielgestaltigkeit von
irregulären,
elliptischen und Spiralgalaxiem, kollidierende Galaxienpaare
und
Galaxien mit extrem hellen Kernen (Quasare). Führt auch die
Beobachtung
von extragalaktischen Moleküwolken zu Überraschungen, zur
Entdeckung
unvorhersehbarer Phenomene? Wie fast immer, wenn wissenschaftliches
Neuland
betreten wird, können wir auch hier die Frage mit einem klaren
"Ja"
beantworten.
Im Gegensatz zur Luft, die wir atmen, sind die Dichten
des interstellaren
Mediums normalerweise zu gering, um "thermodynamisches Gleichgewicht"
zu
erreichen, bei dem Linienintensitäten und kinetische Temperatur
gekoppelt
sind. Während interstellares CO diesem Gleichgewicht zumindest
noch
nahekommt, werden bei anderen chemischen Verbindungen starke
Anregungsanomalien
beobachtet. Einige Spektrallinien besitzen extrem niedrige Anregung und
werden daher fast immer in Absorption beobachtet. Andere Linien sind
extrem
hoch angeregt und können, bei ausreichend hoher optischer Tiefe,
als
Maser mit enormen Linienstärken beobachtet werden. Maser (das
Mikrowellenäquivalent
zum Laser) sind in der Lage, die Strahlung einer Hintergrundquelle bzw.
ihre eigene Strahlung frequenz- und phasentreu zu verstärken.
Zahlreiche
Hydroxyl- (OH), Wasserdampf- (H2O), Siliziummonoxid- (SiO)
und
Methanolmaser (CH3OH ) werden in der Milchstraße in
Sternentstehungsgebieten
und in den Hüllen roter Riesen beobachtet.
Ende der siebziger Jahre gelang einer brasilianischen
Gruppe die Entdeckung
eines extragalaktischen H2O Masers, der etwa hundertfach
leuchtkräftiger
ist als die hellste bekannte Quelle der Milchstraße. Am
300-m-Teleskop
in Arecibo (Puerto Rico) wurde anfang der achziger Jahre ein erster
extragalaktischer
OH-Maser gefunden. Dieser war etwa 50000 mal heller als die hellsten
der
Milchstraße. Inzwischen kennen wir noch viel hellere
Maserquellen,
mit Rotverschiebungen bis zu z = 0.2. Wenn wir isotrope Emission
annehmen,
werden in den extremsten Quellen, den "Gigamasern", 10000
Sonnenleuchtkräfte
in einer einzigen Spektrallinie emittiert! Schon bald wurde klar,
daß
diese extrem leuchtkräftigen Maser mit den in der
Milchstraße
beobachteteten nicht verwandt sind: Es handelt sich um Strahlung aus
den
Kerngebieten
aktiver Galaxien.
Um uns möglichst kurz zu fassen, schauen wir uns
hier nur eine
einzige Megamaserquelle genauer an. Vielleicht das interessanteste
Beispiel
ist die optisch ganz normal aussehenede Spiralgalaxie NGC 4258. Erst
Karten
im Radiokontinuum machen deutlich, daß es mit dieser
Normalität
nicht weit her sein kann : Das System besitzt
Radioarme, die zwar
wie Spiralarme aussehen, aber zwischen den optischen Spiralarmen
liegen.
Offenbar handelt es sich um ausgedehnte aus dem Kernbereich stammende
Radiojets.
Die H2O Maseremission wird bei der systemischen
Geschwindigkeit der
Galaxie und bei +/- 850 km/s beobachtet
, wobei die systemischen
Komponenten mit einer Beschleunigung von 10 km/s pro Jahr in den
rotverschobenen
Bereich driften. Ständig entstehen dort neue Komponenten, die nach
etwa 20 Jahren den zentralen Geschwindigkeitsbereich verlassen und dann
wieder unsichtbar werden. Messungen mit den Teleskopen in
Haystack und
Effelsberg
sowie interferometrische Messungen mit langen Basislängen
zeigen nun, daß die Maser eine Keplerscheibe markieren, die mit
einer
Geschwindigkeit von fast 1000 km/s in einem Abstand von etwa 0.5
Lichtjahren
um den Kern der Galaxie kreist (das entspricht wenigen
Millibogensekunden
. Die innerhalb dieses Rings befindliche Masse
beträgt
30 Millionen Sonnenmassen! Dies ist einer der direktesten Hinweise auf
massereiche kompakte Objekte in galaktischen Kernen. Ob es sich hierbei
um ein supermassives schwarzes Loch handelt, bleibt allerdings noch
offen.
Protogalaxien
Sterne werden, zumindest in der Milchstraße, aus dem Material der
Molekülwolken gebildet. Es liegt daher nahe, auch bei der
Entstehung
ganzer Galaxien aus riesigen kollabierenden Gaswolken große
Mengen
molekularen Materials zu vermuten. Ist die Beobachtung von CO
vielleicht
das beste Mittel um derartige "Protogalaxien" zu finden? Die Suche nach
diesen Objekten entwickelt sich derzeit in zwei verschiedene
Richtungen:
Zum einen werden bei Zusammenstößen zwischen Galaxien
große
Gasmassen in den intergalaktischen Raum geschleudert.
Aus diesen können sich dann Zwerggalaxien bilden. Diese
theoretisch geforderte Entwicklung sollte auch in nahegelegenen
Sternsystemen
zu beobachten sein. Da das Material für die neuen, relativ
massearmen
Galaxien von ihren großen wechselwirkenden Vorgängern
stammt,
sollte die Zusammensetzung des Gases reich an "Metallen" sein und der
des
Sonnensystems ähneln. Damit stehen ausreichende Mengen an
Kohlenstoff
und Sauerstoff zur Bildung von CO zur Verfügung. Vor wenigen
Jahren
galang es tatsächlich, eine derartige Molekülwolke
aufzuspüren:
Mit 10 Millionen Lichtjahren Entfernung ist die M81 Gruppe im
großen
Bären, die auch M82 enthält, die nahste, die über
zahlreiche
direkt miteinander wechselwirkende Galaxien verfügt. Mehrere
Sternsysteme
sind über Brücken neutralen Wasserstoffs (HI) direkt
miteinander
verbunden. Und genau hier konnte eine Riesenmolekülwolke
identifiziert
werden (Durchmesser: 1000 Lichtjahre, Masse: 1 bis 10 Millionen
Sonnenmassen
. Eine meßbare stellare Komponenente ist
mit dieser
Wolke nicht verbunden. Es ist aber sicherlich keine wilde Spekulation,
wenn wir vermuten, daß sich eine solche Komponente während
der
nächsten 10
6 Jahre bilden wird.
Die andere Schiene, auf der wir Protogalaxien zu finden
hoffen, weist
weit in die Tiefen des Universums. Da wir wegen der endlichen
Lichtgeschwindigkeit
mit wachsender Entfernung immer weiter in die Vergangenheit
zurücksehen,
sollte die Zeit, in der die großen Sternsysteme entstanden sind,
mit einer bestimmten Rotverschiebung verbunden sein. Ist die Entstehung
großer Galaxien mit Infrarot- und CO Helligkeiten verbunden, die
die schon erwähnten "Starburst-Galaxien" noch übertreffen?
Bei
Rotverschiebungen von etwa z = 5 sollte die Infrarotstrahlung solcher
Objekte
im bis in den mm-Wellenbereich gewandert sein und auch ohne Verwendung
von Satelliten von der Erde aus beobachtbar sein. Tatsächlich sind
in den letzten Jahren einige Objekte mit Rotverschiebungen bis zu z =
4.7
im mm-Wellen Kontinuum gefunden worden. Zusätzlich kennen wir drei
Galaxien mit Rotverschiebungen größer als z = 2, die auch CO
enthalten: F10214+4724 bei z = 2.23, den "Kleeblattquasar" bei z = 2.56
und BR1202-0725 bei z = 4.69. Im Fall der zuerst entdeckten Quelle,
F10214+4724,
wurde zunächst vermutet, daß ihre gigantische,
Starburst-Galaxien
in den Schatten stellende Infrarot- und CO Helligkeit auf eine
intensive
Phase erster Sternentstehung hindeutet. Inzwischen hat sich aber
herausgestellt,
daß die Infrarothelligkeiten und molekularen Massen von
F10214+4724
und dem Kleeblattquasar nicht außergewöhnlich hoch sind: Die
Strahlung wird hier durch
"Gravitationslinsen" (vorgelagerte massereiche
Objekte) deutlich verstärkt. Die Situation im Fall des Objekts mit
der größten Rotverschiebung ist noch nicht geklärt
(Barvainis
1996; Ohta et al. 1996; Omont et al. 1996). In jedem Fall ist es
bemerkenswert,
daß die Produktion von C und O im Innern von Sternen bei z = 4.69
zumindest in diesem Fall schon weit genug fortgeschritten ist um die
Emission
von weithin sichtbaren CO Linien zu gewährleisten.
Literatur
(1) R. Barvainis, Nature 382 (1996) 398
(2) C. Henkel, W.A. Baan, R. Mauersberger, Astron. Astrophys. Rev. 3
(1991) 47
(3) C. Henkel, R. Mauersberger, T. WIklind, S. Hüttemeister, C.
Lemme, T.J. Millar, Astron. Astrophys. 268 (1993) L17
(4) C. Henkel, M. Stickel, M., J.J. Salzer, U. Hopp, N. Brouillet, A.
Baudry, Astron. Astrophys. 273, L15
(5) M. Miyoshi, J. Moran, J. Hernstein, J. Greenhill, N. Nakai, P.
Diamond, M. Inoue, Nature 373 (1995) 127
(6) R. Ohta, T. Yamada, K. Nakanishi, K. Kohno, M. Akiyama, R. Kawabe,
Nature 382 (1996) 426
(7) A. Omont, P. Petitjean, S. Guilloteau, R.G. McMahon, P.M. Solomon,
E. Pecontel, Nature 382 (1996) 428
(8) G.D. van Albada, J.M. van der Hulst, Astron. Astrophys. 115
(1982) 263
(
Christian
Henkel, Copyright MPIfR 1996)
Der Artikel ist in ähnlicher Form bereits in
der Zeitschrift Die Sterne erschienen (Jahrgang 72 (1996),
Seite
372). Seit Beginn
des Jahres 1997 wurde Die Sterne mit der Zeitschrift Sterne
und
Weltraum vereinigt (siehe
Sterne
und Weltraum, Heft 1/97, Seite 3).
http://www.mpifr-bonn.mpg.de/public/science/galspect.html
Last modified on Wednesday, December 18th, 2002
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