Das Rätsel 3C273






Einer der ersten "Quasare", die Radioquelle 3C273, hält noch immer die Astrophysiker in Atem. Dieser Prototyp einer quasi-stellaren Radioquelle (Quasar) ist zugleich Prototyp für die energiereichsten Objekte im uns bekannten Kosmos: die aktiven Galaxienkerne (AGK). 1963 veröffentlichte der aus Holland stammende Astronom Maarten Schmidt den schockierenden Befund, daß das als 273. Objekt in der 3. Durchmusterung des Radioobservatoriums Cambridge, England, mit einem unspektakulären sternförmigen "Klecks" 13. Größe auf den Palomar Platten koinzidiert; schockierend hieran war die Tatsache, daß Schmidt eine Rotverschiebung von 0.158 entsprechend einer Entfernung zu 3C273 von 3 Milliarden Lichtjahren (Hubble-Konstante H0 = 50 km s-1 Mpc-1) angab, mit der Konsequenz, daß dieses Objekt damals unerklärbar leuchtstark sein mußte.

Die Entdeckung der Veränderlichkeit der Radiostrahlung von 3C273 durch Dent 1965 veranlaßte den britischen Astrophysiker Martin Rees dazu, ein Modell für Radioquellen vorzuschlagen, das unter anderem scheinbar überlichtschnelle Expansionsbewegungen in der unmittelbaren Nähe des Quasarkerns, den man sich als Sitz eines Billionen Sonnenmassen schweren Schwarzen Lochs vorstellt, voraussagte.

Um die Zeit der Fertigstellung des 100-m-Teleskops herum machte 3C273 erneut Schlagzeilen: in den späten 60iger Jahren gehörte die Quelle zu den ersten Objekten, an denen die Durchführbarkeit der Interferometrie mit sehr langen Basislinien gezeigt werden konnte. 1971 wurden erstmals Änderungen in der innersten Kernstruktur, d.h. in den nur Lichtjahre großen Gebieten um das Schwarze Loch beobachtet. Diese Tatsache wurde als Hinweis auf anscheinende Überlichtgeschwindigkeiten interpretiert.

Seit 1973 ist am Max-Planck-Institut für Radioastronomie die Methodik von VLBI-Beobachtungen (Very Long Baseline Interferometry = Radiointerferometrie mit sehr langen Basislinien, die ein Teleskop vom Durchmesser der Erde synthetisieren) regelmäßig angewandt worden.

Besonders seitdem in den späten 70iger Jahren die Bildrückgewinnungsalgorithmen wesentlich verbessert worden sind und man nunmehr mit Fug und Recht die Ergebnisse der Beobachtungen als "Radiobilder" bezeichnen kann, ist der wissenschaftliche Ertrag dieser höchstauflösenden Untersuchungen von aktiven Galaxienkernen enorm.

Wie in vielen auch populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen ausgewiesen, gehört 3C273 zu den Paradebeispielen für die Demonstration scheinbar überlichtschneller Kernbewegungen entlang des einseitigen "Jets", der sich (mit anderen Meßmethoden für die äußeren Teile) über Tausende von Lichtjahren nachweisen läßt.

Auch bei optischen Wellenlängen gehört der 3C273-Jet zu den schönsten Beispielen hochenergetischen Strahlungstransports.

Mit fortschreitender technologischer Entwicklung wurde im vergangenen Jahrzehnt sukzessiv auch der mm-Wellenlängenbereich für die VLBI "erobert". Aber nicht nur für die VLBI: die Erbauer des 100-m-Teleskops wären über die Maßen erstaunt gewesen, wenn man ihnen 1971 prophezeit hätte, daß dieses gigantische Instrument einmal bei 7- oder gar 3-mm-Wellenlänge beobachten würde. Die originalen Spezifikationen sahen 2.8 cm als untere Grenzwellenlänge vor. Das erste Radiobild bei 7-mm-Wellenlänge, das sich auf VLBI-Beobachtungen stützen konnte, wurde 1990 am Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn erstellt und in der astronomischen Fachliteratur publiziert.

Die beiden Höhenkarten in der Abbildung zeigen die innersten 0.6 Lichtjahre von 3C273 bei 3-mm-Wellenlänge in einem Abstand von etwa einem Jahr. Das Besondere hieran ist weder die evidente Veränderung, noch die daraus folgende scheinbare Überlichtgeschwindigkeit der Expansion, sondern die Tatsache, daß der hier im Radiowellenlängenbereich beobachtete Strahlungsausbruch parallel zu einem Energieausbruch im Gamma-Wellenbereich, d.h. bei extrem kurzen Wellenlängen also bei extrem hohen Energien, stattfand. Die Simultanität dieser Strahlungsausbrüche über einen so weiten Frequenzbereich deutet auf eine gemeinsame Ursache für den Strahlungsausbruch und den Mechanismus der Erzeugung des Jets hin und stellt eine erneute Herausforderung an die Theoretiker, die die physikalischen Verhältnisse bei der Erzeugung der gigantischen Energiemengen in der Nähe von Schwarzen Löchern in den Zentralregionen der AGK zu erklären versuchen.

(Arno Witzel & Thomas Krichbaum, Copyright MPIfR 1996)

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