| PRI (MPIfR) 07/2009 (2) | Presseinformation | 1. Juli 2009 |
Ein internationales Team von Astronomen unter der Leitung von Forschern
des Max-Planck-Instituts für Radioastronomie (MPIfR) in Bonn hat einen
Himmelsatlas in Submillimeter-Wellenlängen erstellt, der einen
bis dato nicht möglichen Blick in die inneren Regionen unserer
Heimatgalaxie, der Milchstraße, ermöglicht.
Die hier präsentierten Karten zeigen diesen Bereich
übersät mit Tausenden vorher nicht
entdeckter dichter Knoten von kaltem kosmischem Staub,
wahrscheinlichen Geburtsorten für neue Sterne.
Der Atlas wurde erstellt aus Beobachtungen mit
LABOCA, der neuesten und großformatigsten aus einer Serie von
am MPIfR gebauten Bolometer-Kameras, die am
"Atacama Pathfinder Experiment" (APEX), einem Submillimeterteleskop in 5100 m
Höhe in Chile zum Einsatz kommt.
Es ist die bisher umfassendste Kartierung der Verteilung von kaltem Staub in unserer
Milchstraße, gemessen bei Wellenlängen unterhalb von 1 Millimeter.
Sie bietet eine unschätzbare Quellenliste für
noch detailliertere Beobachtungen mit dem im Bau befindlichen "Atacama
Large Millimeter Array" (ALMA) und mit "Herschel", dem kürzlich
gestarteten Infrarot-Weltraumobservatorium der ESA.
Abb. 1:
Farbbild eines Teils der galaktischen Ebene in der ATLASGAL-Kartierung.
Die Submillimeterdaten des kalten Staubs aus den ATLASGAL-Messungen
(870 µm) sind
in Rot dargestellt, im Vergleich dazu die
etwas wärmeren Staubkomponente aus Infrarot-Messungen mit dem
"Midcourse Space Experiment" (MSX) in Grün (14,65/21,3 µm) und in
Blau (8,28 µm).
Dabei zeigt die kühlere Submillimeterstrahlung Staubbereiche, in denen
sich erst neue Sterne bilden (Protostern-Regionen), die wärmere
Infrarotstrahlung zeigt eher die Staubhüllen um junge Sterne.
Die Größe des gesamten Feldes beträgt 42 mal 1,75 Grad.
Bild: ESO
(Bitte Anklicken für höhere Auflösung;
hochaufgelöste
TIFF-Bilder (46 MB!):
mit und
ohne Quellenmarkierungen.)
Die hier vorgestellte neue astronomische Kartierung trägt den Namen "APEX Telescope Large Area Survey of the Galaxy" (ATLASGAL). Sie zeigt Strahlung unserer Milchstraße in Submillimeter-Wellenlängen (dem Bereich zwischen Infrarotstrahlung und Radio-Wellenlängen). Die Bilder des Weltalls in diesem Wellenlängenbereich sind unverzichtbar, um einerseits die Geburtsorte neuer Sterne zu erforschen, andererseits den komplexen Aufbau des Zentralbereichs unserer Milchstraße.
"ATLASGAL ermöglicht uns einen neuen Einblick in unsere Milchstraße. Die Beobachtungen erlauben uns nicht nur, zu erforschen, wie massereiche Sterne entstehen, sie geben uns auch einen Überblick über die großskalige Struktur unserer Milchstraße", sagt Frederic Schuller vom MPIfR, der Leiter des ATLASGAL-Forschungsteams.
Die neue Submillimeter-Kartierung umfasst einen Flächenbereich von ca. 95 Quadratgrad am Himmel. Sie verläuft in einem nur zwei Grad breiten Streifen entlang der Ebene unserer Milchstraße (das entspricht dem vierfachen Durchmesser des Vollmonds) über eine Gesamtlänge von mehr als 40 Grad. Die Beobachtungen über eine Länge von 16000 einzelnen Bildpunkten (oder Pixeln) wurden mit der am MPIfR gebauten Bolometer-Kamera LABOCA im Submillimeterbereich (bei einer Wellenlänge von 0,87 mm) am von der ESO betriebenen APEX-Teleskop durchgeführt. APEX befindet sich in 5100 m Höhe auf dem extrem trockenen Chajnantor-Plateau in den chilenischen Anden, einem für Submillimeter-Astronomie ideal geeigneten Standort.
Das interstellare Medium, also das Material zwischen den Sternen, ist zusamengesetzt aus Gas und Staubkörnern, vielleicht vergleichbar mit feinem Sand oder Ruß. Der Hauptbestandteil des Gases ist Wasserstoff, der als Molekül relativ schwer nachzuweisen ist. Astronomen erforschen daher Regionen dichten interstellaren Gases vorwiegend über die Suche nach der schwachen Temperaturstrahlung kosmischer Staubkörner.
Die Submillimeterstrahlung ermöglicht den Nachweis dieser leuchtenden Staubwolken, die doch den Blick ins Universum durch die Absorption des sichtbaren Lichts verhindern. So werden in den ATLASGAL-Beobachtungen auch die dichteren Zentralregionen unserer Milchstraße in Richtung des Sternbilds Schütze (Sagittarius) sichtbar, die ansonsten durch eine dicke Schicht von Staubwolken verdeckt bleiben.
Die hier veröffentlichte Karte enthält Tausende von dichten Staubklumpen, viele davon erstmalig nachgewiesen, die Geburtsorte für die künftige Entstehung von massereichen Sternen aufzeigen. Diese Staubklumpen umfassen typischerweise einige Lichtjahre im Durchmesser, sie haben Massen zwischen zehnmal und einigen Tausend mal der Masse unserer Sonne. Das ist hinreichend für die Entstehung massereicher Sterne oder sogar Sternhaufen. Dazu zeigen die ATLASGAL-Daten auch diffuse Strahlung aus dem Bereich zwischen den Staubklumpen, eine Reihe von filamentartigen Strukturen und Blasen im interstellaren Medium, die durch Supernova-Explosionen und die Winde massereicher Sterne erzeugt wurden.
Abb. 1 zeigt die Sternentstehungsgebiete, einzelne Wolken oder größere Komplexe, beobachtet mit ATLASGAL in Submillimeter-Wellenlängen, und, im Vergleich dazu, die heißere Komponente von Staubhüllen um weiter entwickelte junge Sterne, beobachtet mit dem "Midcourse Space Experiment" (MSX) in Infrarot-Wellenlängen.
Zu den Highlights der ATLASGAL-Kartierung gehört sicherlich der Zentralbereich unserer Milchstraße und dabei speziell die direkt benachbarte Sternentstehungsregion Sagittarius B2 (Sgr B2), eine sehr massereiche und dichte Wolke molekularen Gases, in der eine Reihe von Molekülen erstmalig im Weltraum nachgewiesen werden konnte, weiterhin auch Sternentstehungskomplexe wie NGC 6357 oder NGC 6334, wegen seiner Form auch "Katzenklauennebel" genannt..
"Jede einzelen Quelle in der ATLASGAL-Kartierung zeigt uns einen Ort, an dem gerade im Moment neue Sterne entstehen", sagt Prof. Karl Menten, "Prinzipal Investigator" für das APEX-Teleskop, Direktor am MPIfR, und Mitglied des ATLASGAL-Forschungsteams. "Wenn wir dann APEX oder Herschel oder in Zukunft auch ALMA auf diese Positionen ausrichten, um die mit dem Staub verbundenen Moleküle zu untersuchen, erhalten wir ein vollständiges Bild des Ablaufs der Sternentstehung in unserer Milchstraße."
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Abb. 2:
Die 295-Pixel-Bolometerkamera LABOCA (links), die seit Mai 2007 in 5100 m
Höhe am Submillimeterteleskop APEX (rechts) in der Atacamawüste in
Nordchile in Betrieb ist.
Bilder: MPIfR Bonn, APEX Forschungsteam
(Bitte Anklicken für höhere Auflösung!)
ATLASGAL ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Max-Planck-Institut für Radioastronomie, dem Max-Planck-Institut für Astronomie, Astronomen der Europäischen Südsternwarte ESO und der Universidad de Chile. Die Resultate werden in einer Veröffentlichung von Frederic Schuller et al., in der Zeitschrift "Astronomy & Astrophysics" präsentiert.
LABOCA (Large APEX Bolometer Camera), ist eines der Schlüsselinstrumente am APEX-Teleskop, die weltgrößte Bolometer-Kamera (oder "Thermometer-Kamera") zur Messung und Kartierung winziger Temperaturunterschiede, die entstehen, wenn Submillimeterstrahlung auf ihre absorbierede Oberfläche auftrifft. Das große Bildfeld und die hohe Empfindlichkeit von LABOCA machen sie zu einem unverzichtbaren Werkzeug zur Kartierung des "kalten Universums". LABOCA wurde im Max-Planck-Institut für Radioastronomie gebaut.
APEX, das "Atacama Pathfinder Experiment"
ist ein Teleskop von 12 m Durchmesser in 5100 m Höhe über
dem Meeresspiegel in der extrem trockenen Chajnantor-Ebene in der
chilenischen Atacama-Wüste. Es arbeitet im Bereich der
Millimeter- und vor allem Submillimeter-Radiostrahlung, einem bisher noch
wenig erforschten Grenzbereich in der Astronomie und erfordert den Einsatz
hochentwickelter Empfangssysteme und einen extrem hochgelegenen und
trockenen Standort für das Observatorium erfordert.
APEX ist das größte Submillimeter-Teleskop auf der
Südhalbkugel der Erde. Es wird in Zusammenarbeit zwischen dem
Max-Planck-Institut für Radioastronomie, dem Onsala Space Observatory
und der ESO betrieben. Für den Betrieb von APEX vor Ort in Chajnantor
ist die ESO verantwortlich.
ATLASGAL - The APEX telescope large area survey of the galaxy at 870 microns
,
F. Schuller, K. M. Menten, Y. Contreras, F. Wyrowski, P. Schilke, L. Bronfman, T. Henning, C. M. Walmsley, H. Beuther, S. Bontemps, R. Cesaroni, L. Deharveng, G. Garay, F. Herpin, B. Lefloch, H. Linz, D. Mardones, V. Minier, S. Molinari,
F. Motte, L.-A. Nyman, V. Reveret, C. Risacher, D. Russeil, N. Schneider, L. Testi, T., Troost, T. Vasyunina, M. Wienen, A. Zavagno, A. Kovacs, E. Kreysa, G. Siringo, and A. Weiß,
Astronomy & Astrophysics, 2009, (DOI: 10.1051/0004-6361/200811568).
Astronomer's new guide to the galaxy: largest map of cold dust revealed , ESO 24/09 Photo Release, July 01, 2009.
LABOCA - die weltweit größte "Thermometer-Kamera" , PRI (MPIfR) 08/2007 (2), 10. August 2007.
Auf den Spuren organischer Materie
, PRI (MPIfR) 04/2009 (6), 21. April 2009.
Max-Planck-Institut für Radioastronomie (MPIfR) und Forschungsgruppe Millimeter- und Submillimeterastronomie.
Submillimetertechnologie am MPIfR mit LABOCA Homepage.
ATLASGAL - "Flug" durch die Milchstraße (ESO).
European Southern Observatory (ESO).
Atacama Pathfinder Experiment (APEX).
Atacama Large Millimeter Array (ALMA).
Midcourse Space Experiment (MSX).
Dr. Frederic Schuller,
Max-Planck-Institut für Radioastronomie, Bonn.
Fon: +49-228-525-126
E-mail: schuller (at)
mpifr.de
Prof. Dr. Karl Menten,
Max-Planck-Institut für Radioastronomie, Bonn.
Fon: +49-228-525-297
E-mail: kmenten (at)
mpifr.de
Dr. Norbert Junkes,
Öffentlichkeitsarbeit,
Max-Planck-Institut für Radioastronomie, Bonn.
Fon: +49-228-525-399
E-mail: njunkes (at)
mpifr.de