J.A. Zensus, E. Preuss, A. Witzel, T. Krichbaum,
A.
Lobanov
Einleitung. VLBI (Very-Long-Baseline
Interferometry) oder
Radiointerferometrie mit großen Basislängen ist eine Methode
zur Verknüpfung von geographisch weit verteilten Radioantennen zu
einem Verbundnetzwerk, das von Astronomen praktisch wie ein einziges
Riesenradioteleskop
genutzt werden kann. Der Durchmesser solcher Netzwerke reicht von
einigen
100 km bis zum Erddurchmesser und erreicht sogar 30000 km beim
aktuellen
Stand der Weltraum-VLBI. Die im cm- und mm-Wellenbereich betriebenen
VLBI-Netzwerke
sind die größten abbildenden Teleskope, die je in den
Weltraum
hinausgeschaut haben. "Größe" meint hier nicht nur Abmessung
in Kilometern sondern auch Durchmesser, gemessen in
Beobachtungswellenlängen,
und die damit erreichbare Winkelauflösung im Bereich von
Tausendstel
Bogensekunden und besser.
Der Anstoß für die Entwicklung der VLBI kam
aus der astrophysikalischen
Forschung; kompakte, nicht aufgelöste Radioquellen wurden als die
energiereichsten Objekte im Kosmos identifiziert. Diese sogenannten
"Aktiven
Galaxienkerne" lassen sich nur detailliert auf ihre Struktur und deren
Veränderlichkeit hin mittels VLBI untersuchen. Ähnliches gilt
für molekulare Maser unserer Galaxis und in einigen
Nachbarsystemen.
Aber auch die Gravitationsphysik und die Geophysik bedienen sich der
VLBI,
um z.B. Schwankungen der Erdrotation und Plattentektonik einerseits und
andererseits Effekte der Lichtablenkung im Schwerefeld der Sonne zu
studieren.
Auch eine klassische Aufgabenstellung der Astronomie,
nämlich die
Festlegung eines Himmels-Koordinatensystems, kann durch die
hochpräzise
Messung absoluter Positionen von sehr weit entfernten - und daher keine
störenden Eigenbewegungen aufweisenden - Aktiven Galaxienkernen
entscheidend
gefördert werden.
Charakteristisches Merkmal der VLBI-Methode ist der
durch die großen
Antennenabstände erzwungene Verzicht auf jegliche kohärente
Echtzeitverbindung
im gesamten interferometrischen Netzwerk während der Messung. Die
Vernetzung ist also zunächst nur "virtuell" vorhanden. Dies war
die
erste Herausforderung bei der technischen Realisierung der Methode. Sie
gelang erstmals 1967 fast zeitgleich in Kanada bei 75-cm- und in den
USA
bei 50-cm-Wellenlänge. Der jetzt beginnende Ausbau der mm-Wellen-
und Weltraum-VLBI markiert zwei vorläufige Höhepunkte dieser
Entwicklung, die allerdings nur erste, wenn auch bedeutende Schritte in
einen neuen Entwicklungsabschnitt sind. Das Potential der VLBI-Methode
ist auch heute bei weitem noch nicht ausgeschöpft.
Das 100-m-Radioteleskop des Max-Planck-Instituts
für Radioastronomie
wird seit 1973 für astronomische VLBI von Wissenschaftlern des
Instituts
und Kollegen aus aller Welt genutzt. Das Instrument ist in jedem zur
Zeit
denkbaren cm- und mm-Wellen-Netzwerk eines der empfindlichsten
Interferometerelemente
und spielt daher gerade in der jetzt beginnenden Ära von
mm-Wellen-
und Weltraum-VLBI eine wichtige Rolle. Ähnliches gilt für die
deutsch-französisch-spanische 30-m-Antenne bei Granada im
mm-Wellenbereich.
Die folgende Beschreibung beschränkt sich auf
für die Astronomie
wichtige Aspekte der Methode. Alle hier gezeigten Abbildungen von
astronomischen
Objekten entstammen Arbeiten der Bonner VLBI-Gruppe.
VLBI-Netzwerke als Riesenradioteleskope.
Heutige VLBI-Netzwerke
bestehen meist aus 10 bis 20 Radioteleskopen, die jeweils für ein
bestimmtes Beobachtungsprojekt aus einem weltweit vorhandenen "Vorrat"
von ungefähr 40 Antennen ausgewählt werden. Bei der
Weltraum-VLBI
wird im einfachsten Fall, wie zur Zeit bei der Mission VSOP (VLBI Space
Observatory Program), eine satellitengestützte Radioantenne in
Erdumlaufbahn
als weitere Netzwerkantenne hinzugeschaltet. Durch Ausnutzen der
Erdrotation
und, im Fall der Weltraum-VLBI, der zusätzlichen Orbitalbewegung
der
Raumantenne wird aus dem Netzwerk in einem mehrstündigen
Meßlauf,
bei dem alle Antennen auf das Meßobjekt gerichtet sind, effektiv
ein einziges Riesenradioteleskop. Erddrehung und Orbitalbewegung
ändern,
vom weit entfernten Meßobjekt aus (in Projektion) gesehen,
ständig
die gegenseitigen Abstände der Netzwerkantennen sowie die
entsprechenden
"Aspektwinkel". Auf diese Weise werden zu einem Großteil die
jeweils
momentan vorhandenen großen Lücken im Netzwerk geschlossen
und
es wird so gewissermaßen eine Riesenantenne von kontinentalem
oder
sogar planetarem Ausmaß synthetisiert. Die Radiosignale an jeder
Station werden völlig unabhängig, von einem atomaren Zeit-
und
Frequenznormal gesteuert, empfangen und in digitaler Form auf einen
Datenträger
abgespeichert. Erst nach Abschluß der Messungen werden die
Primärdaten
von allen Stationen in einer Korrelationsanlage paarweise zur
Interferenz
gebracht. In einem dritten und letzten Schritt wird dann aus den
geeichten
Interferometerdaten die Intensitätsverteilung, also das Radiobild
des Meßobjekts errechnet ("restauriert").
Der Verbundbetrieb von geographisch weit verteilten
Antennen erfordert
zudem einen erheblichen organisatorischen Aufwand. Das VLBA (VLB Array)
mit seinen zehn über das gesamte Territorium der USA verteilten
25-m-Antennen
ist das bisher einzige (dedizierte} VLBI-Netzwerk - speziell in
regelmäßigen "Zusammenschaltungen" mit dem 100-m-Teleskop
ein
machtvolles Instrument. Weitere Organisationen, die mehrmals pro Jahr
Radioteleskope
für VLBI-Messungen vernetzen, sind: a) das Europäische
VLBI-Netzwerk
(EVN), ein Zusammenschluß von 11 Instituten, davon zwei in China,
b) das Asia Pacific Telescope (APT) und c) das Coordinated Millimeter
VLBI
Array (CMVA). Antennen aus verschiedenen Organisationen werden
häufig
auch zu globalen Netzwerken zusammengeschaltet. Leistungsstarke
Korrelatoren für astronomische Zwecke werden vom MPI für
Radioastronomie,
und auch dem VLBA, dem EVN und vom US Naval Observatory
betrieben.
Mit dem Start der vom Institute of Space and
Astronautical Science (ISAS),
Japan, initiierten und geführten Weltraummission VSOP (VLBI Space
Observatory Program) im Februar 1997 wurde die Ära der
Weltraum-VLBI
eröffnet. Um die Orbitalantenne von 8-m-Durchmesser als weiteres
Interferometer-Element
mit erdgebundenen Netzwerken zu vereinigen, werden vier über die
Erde
verteilte Kontrollstationen benötigt. Sie stellen sicher,
daß
das Empfangssystem der Raumantenne zu jedem Zeitpunkt der Messung
phasenstabil
an einen auf der Erde befindlichen Wasserstoffmaser angebunden ist und
der bei der Raumantenne anfallende Signalstrom (128 Millionen Bit/s)
empfangen
und abgespeichert wird.
Kompakte Radioquellen als astronomische Sonden.
Die stärksten
kompakten extragalaktischen Quellen finden sich in den Zentren von
"Aktiven
Galaxien" wie Radiogalaxien, Blasare und Quasare. Sie emittieren
Radiostrahlung
in einem breiten Wellenlängenbereich ("Kontinuumsstrahlung"). Ein
schwarzer Körper müßte bis zu 100 Milliarden Grad
heiß
sein, um mit gleicher Intensität zu strahlen. Dabei handelt sich
mit
hoher Sicherheit um Synchrotronstrahlung von relativistischen (fast
lichtschnellen)
Elektronen. Die kompakten Quellen sind assoziiert mit stark
gebündelten
Plasmastrahlen, sogenannten "Jets", die aus dem Inneren der
Muttergalaxien
mit relativistischen Geschwindigkeiten herausschießen und oft
weit
außerhalb des Mutterobjekts riesige Doppelquellen im Radiobereich
erzeugen. - Viel diskutiert wurden die scheinbar
überlichtschnellen
Bewegungen im Kernjet vieler aktiver Galaxien, die befriedigend als das
Ergebnis einer kinematischen Illusion erklärt werden konnten -.
Vieles
deutet daraufhin, daß die Jets von magnetisierten rotierenden
Akkretionsscheiben
erzeugt werden, in denen sich die auf ein kompaktes massereiches
Zentralobjekt
(z.B. Schwarzes Loch?) einstürzende Materie sammelt. Bei diesen
Objekten
werden mm-VLBI und Weltraum-VLBI benötigt, um durch direkte
Abbildung
möglichst nahe an das Ursprungsgebiet der Jets heranzukommen. Die
Begründung hierfür ist nicht nur in dem gesteigerten
Winkelauflösungsvermögen
bei höheren Frequenzen und Basislängen zu suchen: Je
kürzer
die Beobachtungswellenlänge ist, desto weniger störend ist
die
Selbstabsorption in der Quelle und desto tiefer kann der Beobachter
eindringen.
Das relativ häufige Vorkommen von kompakten
Kontinuumsstrahlern
beruht darauf, daß sie nahezu "ständige Begleiter" von
hochenergetischen
Prozessen sind, die relativistische Elektronen in kleinen Raumbereichen
freisetzen, die dann über Synchrotronstrahlung ihre Energie
abgeben.
Gewissermaßen über einen Nebeneffekt werden die
niederenergetischen
Radiophotonen so zur Sonde für die Untersuchung von energiereichen
Prozessen, deren Energie in der Hauptsache nicht in
Radiostrahlung
konvertiert wird. Wenn die Energiedichte der Synchrotronstrahlung einen
bestimmten Wert überschreitet, führt die Wechselwirkung der
Elektronen
mit den von ihnen erzeugten Radiophotonen auch zur Emission
hochenergetischer
Röntgen- oder sogar Gamma-Strahlung (inverser Compton-Effekt).
Komplementäre
Beobachtungen in diesen Spektralbereichen liegen daher nahe und werden
auch bereits durchgeführt. VLBI-Beobachtungen bei kurzen cm-Wellen
und im mm-Wellenbereich erreichen heute routinemäßig bereits
eine Winkelauflösung von wenigen Zehntausendstel Bogensekunden.
Der
beste bisher bei 3,5 mm erreichte Wert beträgt etwa 50 Millionstel
Bogensekunde. Dies ist der Winkeldurchmesser eines 10 cm großen
Steins
auf dem Mond von der Erde aus gesehen.
Auch VLBI-Experimente, die nicht die kontinuierliche
Strahlung sondern
die Linienemission analysieren, werden regelmäßig
durchgeführt.
Die stärksten kompakten Radioquellen innerhalb unserer Galaxis
sind
molekulare Maser, die Linienstrahlung sehr hoher Intensität
aussenden.
Einige von ihnen gehören zu den brillantesten Quellen am
Radiohimmel.
Ihre scheinbare Helligkeit übertrifft oft noch die der hellsten
extragalaktischen
Quellen. Die stärkste Maserstrahlung geht aus von folgenden
Molekülen
bzw. Radikalen: Wasser (H2O, 1,3 cm), Hydroxyl (OH, 18 cm),
Siliziummonoxyd (SiO, 7 mm) und Methylalkohol (CH3OH, 5 cm).
In Klammern ist jeweils neben der chemischen Formel die
Wellenlänge
der stärksten Spektrallinie angegeben. Die Erforschung der
Sternhüllen
aber auch das Studium der Entfernungen und Dynamik von
Sternentstehungsgebieten
haben durch die VLBI-Beobachtungen sehr gewonnen.
Besonders starke Maserquellen ("Mega-Maser") hat man
auch in den Zentren
anderer Galaxien gefunden und zwar Wasserdampfmaser vorwiegend in
nahen,
schwach aktiven Galaxien und Hydroxyl-Maser in meist weiter entfernten
Galaxien, die im Infrarotbereich extrem stark strahlen. In der nahen
Galaxie
NGC4258 gelang erstmals durch Beobachtung der Wasserdampfmaser der
Nachweis
einer zentralen rotierenden molekularen Scheibe, die Bestimmung der
Masse
im Scheibenzentrum zu 30 Millionen Sonnenmassen sowie die Messung der
Entfernung.
Objekte dieser Art eröffnen die Möglichkeit,
Akkretionsscheiben
direkt zu untersuchen. Dabei wird Weltraum-VLBI eine wichtige Rolle
spielen.
Fortschritte bei der Millimeter-VLBI. Wissenschaftler
des MPI für Radioastronomie haben von Anfang an bei der
Erschließung
des mm-Wellenbereichs für VLBI-Beobachtungen entscheidend
mitgewirkt.
Das wurde begünstigt durch die besondere Beziehung des MPIfR zu
den
drei leistungsfähigsten mm-Teleskopen in Europa. Dies sind die
100-m-Antenne,
die, obwohl als cm-Instrument geplant, noch bei 3,5 mm eine beachtliche
Wirkfläche hat; die 30-m-Antenne bei Granada, das weltweit
größte
Einzelteleskop bei 1,3-mm-Wellenlänge sowie das mm-Interferometer
auf dem Plateau de Bure bei Grenoble, bestehend aus 5 (demnächst
6)
Antennen zu je 15-m-Durchmesser und 1,3-mm-Grenzwellenlänge.
Die wichtigsten Beobachtungswellenlängen in der
mm-VLBI sind: 7
mm (43 GHz), 3,5 mm (86 GHz) und 1,4 mm (215 GHz). Die Reihenfolge
entspricht
abnehmender Routine bei der Datenauswertung und zunehmender Anforderung
an methodisch-technische Kenntnisse der Beobachter. 7-mm-VLBI ist schon
Teil des Normalbetriebs von VLBA und EVN, während 1,4-mm-VLBI sich
noch in einer Versuchsphase befindet. Beobachtungen bei 3,5 mm
erfordern
noch ein erhebliches Maß an Expertenwissen. Das CMVA stützt
sich zur Zeit auf 12 Antennen zu beiden Seiten des Atlantiks. Das
Fortschrittstempo
der mm-VLBI wird entscheidend bestimmt durch die Verfügbarkeit von
rauscharmen und phasenstabilen Empfangssystemen an den einzelnen
Stationen,
die erst in der letzten Zeit mit der erforderlichen Qualität
verfügbar
werden.
Abbildung 1 demonstriert den jetzt erreichten
Stand bei der Erstellung
von hochaufgelösten 3,5-mm-Bildern von starken kompakten
Radioquellen
am Beispiel des nächsten hellen Quasars 3C273, 1,6 Milliarden
Lichtjahre
von uns entfernt Hubble-Konstante = 100 km/s/Mpc, Bremsparameter = 0,5,
auch im folgenden), und des Quasars 3C454.3, 10 Milliarden Lichtjahre
von
uns entfernt.
 |
 |
| Abbildung 1a zeigt die
Intensitätsverteilung bei 3,5 mm
im Zentrum des Quasars 3C273 für 2 Epochen. Die
Winkelauflösung
beträgt 0,15 x 0,60 Millibogensekunden in N/S- bzw. O/W-Richtung;
dies entspricht einer Auflösung von 0,9 x 3,6 Lichtjahren. Die
beiden
Bilder sind abgeleitet von Messungen mit (nur) drei (1994) und vier
Stationen
(1995), so daß nur die hellsten Teile der Quelle zu sehen sind.
Man
sieht deutlich die Bewegung von Strahlungskomponenten, die entlang der
Quellenachse (= Jet-Richtung) mit scheinbarer
Überlichtgeschwindigkeit
erfolgt. Rückwärts-Extrapolation ergibt, daß die
Ejektion
der Komponenten in zeitlicher Nähe eines Gammastrahlen-Ausbruchs
erfolgte,
dem auch ein starker Anstieg der gesamten Energieflußdichte im
cm-
und mm-Wellen-Bereich folgte. |
Abbildung 1b
zeigt die Intensitätsverteilung
bei 3,5 mm den Quasar in 3C454.3. Das Bild basiert auf Beobachtungen,
Anfang
1996, mit einem 6-Stationen-Netzwerk, mit je drei Stationen in Europa
und
den USA. Die Winkelauflösung beträgt 70 Millionstel
Bogensekunden
entsprechend 1 Lichtjahr. Die Bilddynamik beträgt 200:1. Der "Jet"
ist in transversaler Richtung aufgelöst. Die Linie
größter
Helligkeit entlang des Jets verläuft gekrümmt und weist
transversale
Oszillationen und Versetzungen (Knicke) auf Muster, die typisch sind
für
Kelvin-Helmholtz-Instabilitäten in einer relativistischen
Strömung. |
In den letzten Jahren gab es bereits mehrere
erfolgreiche Pilotmessungen
bei 1,4-mm-Wellenlänge. Dabei gelang u.a. der erstmalige Nachweis
der ultrakompakten Quelle in Sgr A* auf der 1150 km langen
Interferometerbasis
zwischen Granada und dem Plateau de Bure. Die Meßdaten reichten
noch
nicht aus zur Erstellung eines Radiobildes. Aber sie enthalten die
interessante
Information, daß im Meßobjekt auf der Winkelskala von
Zehntausendstel
Bogensekunden Struktur vorhanden ist, und sie erlaubten eine erste
Abschätzung
für den Durchmesser von Sgr A* zu etwa 20 Schwarzschildradien,
wenn
sich im Inneren der Quelle ein Schwarzes Loch von 2,6 Millionen
Sonnenmassen
befindet. Erste VLBI-Messungen mit einem transatlantischen
5-Stationen-Netzwerk
bei 1,4-mm-Wellenlänge wurden kürzlich durchgeführt und
befinden sich noch in der Auswertung.
Weltraum-VLBI - Radioteleskope größer
als die Erde.
Die Idee, eines Tages eine oder mehrere Antennen in Erdumlaufbahn mit
Radioteleskopen
auf der Erde interferometrisch zu vernetzen, ist fast so alt wie die
VLB-Interferometrie
selber. Die technische Machbarkeit wurde erstmals 1986/88 mit Hilfe
eines
der TDRSS-Satelliten (Tracking and Data Relay Satellite System der
NASA)
demonstriert. Im September 1997 nahm das japanische Projekt VSOP mit
seiner
8-m- Antenne in erdnaher Umlaufbahn (Abb. 2) seinen
regulären
Beobachtungsbetrieb bei 18 cm und 6 cm auf. Das 1,3-cm-Empfangssystem
ist
leider durch Beschädigung beim Start ausgefallen.
 |
| Abbildung 2: Schematische Darstellung der
Mission VSOP. Die
VSOP-Antenne umrundet die Erde auf einer elliptischen Bahn in 6,3
Stunden.
Der erdfernste Punkt der Bahn ist 21440 km, der erdnächste 540 km
von der Erdoberfläche entfernt. Die Bahnneigung zum Äquator
beträgt
31,5 Grad. Der größte Abstand zwischen der Raumantenne und
einer
erdgebundenen Antenne kann bis zu etwa 30000 km betragen. Das ist etwa
drei bis viermal mehr als in typischen erdgebundenen Netzwerken. Die
kurze
Umlaufzeit des Satelliten bedeutet, daß das "Superteleskop" von
30000
km Durchmesser in relativ kurzer Zeit "synthetisiert" werden kann. Die
Nachweisgrenze für Interferenzsignale zwischen der VSOP-Antenne
und
dem 100-m-Teleskop liegt bei etwa 0.005 Jansky. |
Unmittelbare allgemeine Ziele der VSOP-Mission sind: die
Gewinnung von
Radiobildern von Aktiven Galaktischen Kernen, die Messung der
Strukturvariationen
in Objekten mit überlichtschneller Komponentenbewegung, die
Messung
der Eigenbewegung dieser Komponenten als Funktion der Entfernung, die
Bestimmung
der "Feinstruktur" von Hydroxyl-Masern und die Bestimmung der
Emissionsstruktur
von Radiosternen. Diese Aufzählung umfaßt u.a. Objektypen
wie
Quasare, Blasare, Radiogalaxien, Gravitationslinsen, OH-Maser, Pulsare
und Radiosterne. 15% der Zeit sind reserviert für eine
VLBI-Durchmusterung
einer größeren Gesamtheit von extragalaktischen Quellen.
Ziel
dieses Programms ist die Erstellung eines homogenen Datensatzes als
Grundlage
für statistische Untersuchungen zu Fragen der Physik von starken
Radioquellen
und ihrer kosmologischen Entwicklung. Einige wichtige spezielle Fragen,
die am MPI für Radioastronomie verfolgt werden, sind folgende:
Wird
die aufgrund des inversen Compton-Effektes erwartete obere Grenze
für
die Strahlungstemperatur von 1012 Grad Kelvin in kompakten
Radioquellen
tatsächlich erreicht? Wodurch unterscheiden sich kompakte
Radioquellen
mit starker Gammastrahlung von solchen ohne diese Strahlung? Was ist
die
detaillierte räumliche Struktur der Radioemission näher am
Ursprung
der Jets? Was ist die physikalische Natur der Emissionskomponenten?
Handelt
es sich um bewegte materielle Gebilde oder um Strahlungsmuster, die
z.B.
von bewegten oder stehenden Schockwellen erzeugt werden?
Abbildung 3 zeigt beispielhaft als erste
Ergebnisse von VLBI-Messungen
unter Einschluß der VSOP-Antenne Radiobilder eines relativ nahen
und eines weit entfernten Quasars. Bei 3C273 (Abb. 3a) beträgt die
Winkelauflösung quer zur Jetrichtung etwa 0.3 bis 0.5
Millibogensekunden
oder 1/7 bis 1/5 der Jetbreite. Eine genaue Analyse des
Intensitätsprofils
entlang der Schnitte A bis D zeigt das Vorhandensein von bis zu drei
Maxima,
wobei das mittlere dominiert. Dies könnte ein Indiz dafür
sein,
daß sich hier eine sehr schnelle zentrale Strömung durch
eine
langsamere hindurchbewegt, wie nach einigen Modellvorstellungen
vorgeschlagen.
Die Radiobilder von 0836+710 (Abb. 3b) lassen sich deuten als
Nahaufnahmen
von Instabilitäten in einer relativistischen Plasmaströmung.
Nimmt man an, daß die beobachteten Versetzungen durch den am
schnellsten
wachsenden Mode einer Kelvin-Helmholtz-Instabilität bedingt sind,
erhält man 6 als Wert für die Machzahl der Strömung,
d.h.
für das Verhältnis von Geschwindigkeit zu
Schallgeschwindigkeit.
Dies impliziert auch einen Betrag der Schallgeschwindigkeit in der
Nähe
der Lichtgeschwindigkeit.
|
|
Abbildung 3 zeigt
Radiobilder der beiden Quasare
3C273 (Abb. 3a, oben) und 0836+710 (Abb. 3b, unten) bei
6-cm-Wellenlänge.
Sie sind das Resultat von VLBI-Messungen mit der VSOP-Antenne in
Kombination
mit dem 100-m-Teleskop und dem VLBA. Die Beobachtungen fanden im
Dezember
bzw. Oktober 1997 statt. Die Wirkung der zugeschalteten Raumantenne
wird
deutlich durch Vergleich der jeweils drei Teilbilder für jedes
Objekt.
Beim Teilbild (a ) sind jeweils nur die
Daten
des erdgebundenen Netzwerks verwendet, beim Teilbild (b
) sind alle Interferometerdaten und beim Teilbild (g
) nur die Kombinationen Boden-Raum verwendet. Die Zahlenwerte am
Bildrahmen
bedeuten Relativabstände in Millibogensekunden. Die Werte für
die Bilddynamik der Teilbilder (a ) und (b
) betragen für 3C273: 4500 und 2100; für 0836+710: 4600 und
900.
|
Der nächste sehr deutliche Schritt vorwärts in
Richtung hundertmal
höherer Empfindlichkeit und sehr viel höherer
Winkelauflösung
kann durch das bereits erwähnte Projekt ARISE erreicht werden.
Dessen
Kernstück ist eine 25-m-Antenne in einem elliptischen Erdorbit mit
einer Apogäumhöhe im Bereich 40000 bis 100000 km. Der
vorgeschlagene
Frequenzbereich beträgt 8 bis 86 GHz, die erzielbare
Winkelauflösung
etwa 15 Millionstel Bogensekunde oder besser. Startzeitpunkt
könnte
das Jahr 2008 sein. Das generelle Hauptziel der Mission ist die Mehrung
unseres Verständnisses von Schwarzen Löchern und den durch
die
gewaltigen Gravitationskräfte in ihrer Umgebung hervorgerufenen
Phänomenen.
Max-Planck-Gesellschaft Jahrbuch 1999. Copyright
© 1999 Max-Planck-Institut
f. Radioastronomie.
MPIfR-Home
ute_at_mpifr-bonn.mpg.de