A. Witzel, S. Britzen,
D. Graham, T. P. Krichbaum and K. Standke
Schwarze Löcher — kaum ein anderer Begriff aus
der Astronomie
hat in den letzten Jahren das Interesse einer weiten
Öffentlichkeit
so sehr gefunden und zu Spekulationen und Phantasien Anlaß
gegeben.
Ob diese exotischen Objekte bisher wirklich nachgewiesen sind, zum
Beispiel
als unsichtbare Partner in Doppel- oder Mehrfachsternsystemen, oder in
ihrer massereicheren Variante als Zentralobjekte von Galaxien, wird
noch
immer zum Teil leidenschaftlich diskutiert. Sicher ist aber die
Mehrzahl
der Astrophysiker bereit, sehr massereiche Schwarze Löcher als die
Zentren von Aktiven Galaxienkernen (AGK) anzusehen, die für die
Erzeugung
der gigantischen Energiemengen in diesen energiereichsten Objekten im
Kosmos
verantwortlich sind.
Aktive Galaxienkerne werden
außerordentlich starke Strahlungsquellen
in großen Entfernungen von der Erde genannt, deren optisches
Erscheinungsbild
zumeist eher unauffällig ist, und deren Erforschung erst durch die
Entdeckung der für die Klasse archetypischen Quasare —
quasistellare
Radioquellen — mit extremem Energieausstoß initiiert wurden. Die
AGK, d.h. Quasare und die im Mittel wohl etwas weniger weit entfernten
BL Lacertae Objekte — benannt nach dem 1927 fälschlicherweise als
variabler Stern identifizierten Objekt im Sternbild Eidechse — wurden
in
früheren kosmologischen Zeiten gebildet und sind wegen der
Expansion
des Weltalls und der Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit bis zu
Milliarden
von Lichtjahren weit von den Beobachtern auf der Erde entfernt. Daher
braucht
man für Forschungen, die in einigem Detail die Strukturen von AGK
und deren zeitliche Veränderlichkeit untersuchen wollen,
Instrumente
von sehr hohem Auflösungsvermögen. Diesem Anspruch wird zur
Zeit
nur im Radiobereich von Interferometern mit Basislinien, die nahe an
den
Erddurchmesser heranreichen, genügt. Die seit mehr als zwei
Jahrzehnten
im Dezimeter und Zentimeter-Wellenlängenbereich
durchgeführten
VLBI (Very Long Baseline Interferometry) Beobachtungen verfügen
über
ein Auflösungsvermögen im Bereich von einigen Tausendstel
Bogensekunden
(zum Vergleich: das Auflösungsvermögen des menschlichen Auges
beträgt etwa eine Bogenminute). Eine weitere Steigerung des
Auflösungsvermögens
ist sowohl durch eine Vergrößerung der Basislinien, d.h.
durch
Einschluß weltraumgebundener Radioteleskope, als auch durch eine
Verminderung der Beobachtungswellenlängen zu erreichen. Diese
letztere
Methodik, d.h. der Übergang zu Millimeter-Wellenlängen hat
speziell
für die Untersuchung hochkompakter AGK-Zentralregionen den
entscheidenden
Vorteil, daß nur in diesem Wellenlängenbereich eine "freie
Sicht"
in die Kernregionen möglich ist, die durch Selbstabsorption bei
längeren
Wellenlängen nicht zugänglich sind.
Die Methode der Very Long
Baseline Interferometry (VLBI) synthetisiert
ein weder technisch mögliches noch gar finanziell erschwingliches
Riesenteleskop, das einen Durchmesser hat, der dem Abstand der beiden
am
weitesten voneinander entfernten Antennen des VLB-Interferometers
entspricht.
Die Qualität und auch die Zuverlässigkeit der mit einem
solchen
Instrument gewonnenen Bilder kosmischer Objekte hängt
selbstverständlich
kritisch von der Anzahl und der Güte der beteiligten Teleskope ab.
Ein Maß für die Bildqualität ist der Dynamikbereich,
d.h.
der Quotient der hellsten zur schwächsten nachweisbaren
Intensität.
Von ausschlaggebender Bedeutung für die Gewinnung
verlässlicher
Bilder mit hohem Dynamikbereich mittels eines VLBI-Antennennetzes ist
es,
mindestens zwei empfindliche Antennen mit großer
Reflektorfläche
zu benutzen. Der Grund hierfür ist, daß der gesamte
hochspezialisierte
mathematische Algorithmus zur Bildgewinnung nur dann auf die Daten
angewandt
werden kann, wenn das Objekt auf zumindest einer Basislinie
(Kombination
von zwei Teleskopen) zweifelsfrei nachgewiesen ist. Das
Max-Planck-Institut
für Radioastronomie besitzt mit der 100-m-Antenne das
größte
vollbewegliche Radioteleskop der Welt, das bis zu einer
Grenzwellenlänge
von 3,5 mm betrieben werden kann. Errichtet wurde es mit Mitteln der
Volkswagen-Stiftung,
wie auch das 30-m-Millimeterwellenlängen-Radioteleskop auf dem
Pico
Veleta nahe Granada, das zweifelsfrei beste Instrument seiner Art
weltweit.
Das 100-m-Radioteleskop in Effelsberg und das 30-m-Teleskop bilden die
leistungsstärkste Antennenkombination, die in Zusammenarbeit mit
anderen
kleineren Instrumenten die Möglichkeit bietet, eine große
Anzahl
von Objekten zu untersuchen, deren Intensität deutlich geringer
ist
als die früheren Untersuchungen zugänglichen Quellen.
Die Untersuchung von AGK
mittels mm-VLBI führt zu wertvollen Ergänzungen
und wichtigen Verfeinerungen für das Bild, das die Astrophysiker
für
die Erklärung physikalischer Vorgänge in Quasaren und
ähnlichen
Objekten machen: in dem extrem kompakten Kerngebiet, vermutlich einem
Schwarzen
Loch von typischerweise 106-108 Sonnenmassen und
3×1011—3×1013 cm Durchmesser — wird
die
Energie des Systems produziert. Umgeben wird das Schwarze Loch von
einer
Akkretionsscheibe, in der sich Materie anhäuft, um sodann vom
Zentrum
"verschluckt" zu werden. In zwei düsenstrahlähnlichen Jets,
deren
Richtung senkrecht zur Hauptachse der Rotationsachse ist, wird Energie
nach außen transportiert, mit in Kernnähe
hochrelativistischen
Geschwindigkeiten, bis hin zu den äußersten Regionen der
Objekte,
die in Entfernungen von Millionen von Lichtjahren von dem Zentrum mit
Radioteleskopen
nachgewiesen werden können (Abbg. 1).
Abb. 1:
Stark schematisierte Darstellung der Zentralregionen in einem Quasar
nach
heute gängigen Vorstellungen. Die wesentlichen Elemente dieses
Standardmodells
für einen Quasarkern sind: (1) ein supermassives rotierendes oder
nicht rotierendes 'Schwarzes Loch' mit einer Masse von einigen 108-10
Sonnenmassen, (2) eine das Schwarze Loch' umgebende Akkretionsscheibe,
in der sich aufheizende Materie zum Zentrum hin spiraliert, bevor sie
im
`Schwarzen Loch' verschwindet, (3) und zwei einander entgegengerichtete
hochrelativistische Plasmajets, in denen ein Teil der vom `Schwarzen
Loch'
aufgesogenen Materie entlang der Rotationsachse der Akkretionsscheibe
ausgestoßen,
beschleunigt, und bis zu einigen hunderttausend Lichtjahren weit
transportiert
wird.
Unterschiedliche
bereiche dieses Akkretionsschibe-Jet-Systems strahlen
Energie in den verschiedenen Bereichen des elektromagnetischen
Spektrums
ab. Die extrem kurzwellige Gamma- und Röntgen-(X)-Strahlung
liefert
Information aus den innersten Gebieten, der unmittelbaren Umgebung des
`Schwarzen Loches'. Ultraviolette, optische, und Radiostrahlung stammt
aus den etwas weiter entfernt liegenden Regionen der Akkretionsscheibe
und aus dem Jet, der allerdings auch noch in großerer Entfernung
vom Kern, durch sogennate "Schockwellen" im Jet-Plasma Röntgen-
und
vielleicht sogar Gamma-Strahlung produzieren kann. Vor allem
VLBI-Beobachtungen
im Millimeter-Wellenlängenbereich erlauben die direkte
Untersuchung
dieser kernnahen Jet-Regionen und der in ihnen unter extremen
Bedingungen
ablaufenden physikalischen Prozesse, die sich nur im Rahmen der
allgemeinen
Einsteinschen Relativitatstheorie verstehen und beschreiben lassen.
Eine weitere, bisher nahezu
ungenutzte Untersuchungsmöglichkeit
der Kernbereiche von AGK stellt die astronomische Auswertung von
Datenbasen,
die im Verlauf geodätischer VLBI-Kampagnen angelegt worden sind:
seit
etwa 15 Jahren werden weltweit seitens geodätischer
Forschungsgruppen
VLBI Beobachtungen bei 13- und 3.6-cmWellenlänge von
ausgewählten,
möglichst ultrakompakten AGK vorgenommen, um durch genaue Analysen
des Beobachtungsmaterials Aussagen zu gewinnen über zum Beispiel
die
Kontinentaldrift, Polbewegungen etc., bis hin zur Voraussage von
Erdbeben.
Bei diesem
interdisziplinären Forschungsvorhaben können die
Positionsastronomen (Astrometer) Kenntnisse über die Positionen
der
beobachteten kosmischen Objekte erlangen, Angaben die für die
Erstellung
eines inertialen himmlischen Koordiatensystems genutzt werden
können.
Ein solches Koordinatensystem soll das z.Z. benutzte
Rektaszension/Deklinations-System
ablösen, das von den nicht mit höchster Genauigkeit
voraussagbaren
Bewegungen des Frühlingspunktes abhängig ist.
Wie oben erwähnt,
wären die idealen Objekte für diese
Forschungen aus astrometrischer als auch aus geodätischer Sicht,
starke,
punktförmige, sehr weit entfernte Strahlungsquellen. Die AGK
erfüllen
aber von den drei Bedingungen nur zwei, die der großen Entfernung
und die der großen Intensität. Trotz ihrer großen
Entfernungen
hat sich bis heute keine ideale Punktquelle (vor allem bei
kürzeren
Wellenlängen) finden lassen, die auch für Radiointerferometer
mit sehr großen Basislinien unaufgelöst ist. Das
heißt,
alle AGK zeigen im Bereich von Lichtmonaten bis Lichtjahren deutliche
Strukturierungen,
zumeist Jets, d.h. düsenstrahlähnliche Vorzugsrichtungen der
Emission, die zudem mit der Zeit veränderlich sind. Aus
astrophysikalischer
Sicht sind es diese Jets, die das höchste Interesse verdienen, da
sie Auskunft geben über die Mechanismen des Energietransports auf
dem Wege vom hypothetischen Schwarzen Loch hin zu den Millionen von
Lichtjahren
entfernten Außenbezirken. Aus geodätischer Sicht stellen die
Strukturen von AGK Fehlerquellen für die genaue
Positionsbestimmung
dar, die allerdings vernachlässigt werden können, wenn genaue
Kenntnis der Strukturen und ihrer zeitlichen Veränderungen eine
Korrektur
in den entsprechenden Auswertungsalgorithmen erlaubt. Aus der
Mannigfaltigkeit
geodätischer VLBI-Kampagnen werden am Korrelator des VLBI
Auswertezentrums
am Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn
regelmäßig
die Experimente EUROPE (Netzwerk aus 9 europäischen
Radioteleskopen
unter Beteiligung der 100-m-Antenne in Effelsberg) und IRIS
(International
Radio Interferometric Surveying mittels 6 weltweit verteilten
Stationen)
ausgewertet.
In beiden Kampagnen werden
etwa 20 AGK in regelmäßigen Abständen
— IRIS alle 4 Wochen, EUROPE 4 mal pro Jahr — simultan bei 3.6 und 13
cm
beobachtet. Die Gesamtzahl der in den letzten 15 Jahren hierbei
untersuchten
Objekte ist etwa 50 — wegen der starken
Intensitätsvariabilität
müssen von Zeit zu Zeit AGK, deren Helligkeit zu stark abgenommen
hat, gegen andere ausgetauscht werden.
Es ist inzwischen evident,
daß die Strukturveränderungen
in AGK vielfach zeitlich so rasch erfolgen, daß eine
Beobachtungsfrequenz
von z.B. einmal jährlich — ein für die globalen VLB-Netzwerke
eher günstiger Wert — nicht ausreicht, um zweifelsfrei
Bewegungsphänomene
zu analysieren. Speziell die teils sehr häufige Entstehungsrate
bzw.
Auswurfsrate neuer Kondensationen im Kernjet erschwert oder verhindert
die eindeutige Identifizierung von Jetknoten und das Studium ihrer
Entwicklung.
Die monatliche Beobachtungsfrequenz der IRIS-Beobachtungen hingegen
erlaubt
in den bisher untersuchten Objekten eine solche eindeutige
Komponentenzuordnung.
Ein weiterer Gesichtspunkt,
der für die Analyse und Interpretationen
geodätischer VLBIDaten spricht, ist darin zu sehen, daß
gerade
durch die kürzlichen Entdeckungen in anderen
Wellenlängenbereichen,
wie z.B. der Röntgen und Gamma-Astronomie, das Interesse an den
Objekten
verstärken, die über den gesamten Wellenlängenbereich
extreme
Eigenschaften zeigen: nämlich den Aktiven Galaxienkernen. Für
mehrere Quasare mit extrem hoher Gammastrahlungsaktivität konnte
die
Struktur und Strukturveränderlichkeit im
Radiowellenlängenbereich
durch die Analyse der synchron zu den Gamma-beobachtungen
unabhängig
durchgeführten IRIS-Beobachtungen studiert werden. Als Beispiele
können
die Quasare 0420-014 und 0528+134 dienen, die scheinbar
überlichtschnelle
Expansionsbewegungen zeigen und ebenso die eindeutige Korrelation
zwischen
dem Ausstoß neuer Jetkomponenten und Maxima in der Helligkeit bei
kurzen Radiowellenlängen.
Bedingt durch die
Beobachtungsmethodik sind die geodätischen VLBI-Beobachtungen
zwar in hervorragend kurzen Abständen durchgeführt, die
Beobachtungsdauer
der einzelnen Objekte hingegen ist deutlich kürzer als bei
astronomischer
VLBI. Das führt dazu, daß zwar die grundsätzlichen
Strukturen
einer Quelle zweifelsfrei erkannt werden können, daß aber
schwächere
Details sich im Normalfall dem Nachweis und somit der Analyse
entziehen.
Der Dynamikbereich, d.h. das Verhältnis der stärksten und
schwächsten
nachweisbaren Strukturen, ist auf etwa 50:1 begrenzt. Schon aus diesem
Grunde ist ein Vergleich mit dediziert astronomischen Kartierungen
wesentlich.
Erst die Kombination von zeitlich dicht beieinanderliegenden Karten
mittleren
Dynamikbereichs mit zeitlich deutlich gespreizten Untersuchungen mit
hohem
Dynamikbereich, erlaubt eine wirklich detaillierte Analyse der
Kinematik
in kernnahen Jets von AGK. Besonders profitabel hat sich hierbei die
Kombination
der 3.6cm-Karten von "IRIS-Quellen" mit parallelen mm-VLBI
Beobachtungen
derselben Objekte erwiesen.
Vor allem technische
Fortschritte haben in den letzten Jahren eine deutliche
Verbesserung auf Seiten der Radiointerferometrie mit sehr langen
Basislinien
im mm-Wellenlängenbereich ermöglicht: rauschärmere
Empfänger,
Aufnahmeterminals mit größeren Bandbreiten und vor allem die
Nutzbarmachung neuer leistungsstarker
mm-Wellenlängen-Radioteleskope.
Zur Zeit sind die in Europa angesiedelten Empfangsstationen weltweit
führend:
das 30-m-Radioteleskop auf dem Pico Veleta nahe Granada im Verbund mit
einem der 15-m-Teleskope auf dem Plateau de Bure in Frankreich, kann
bis
zu einer Grenzwellenlänge von 1 mm betrieben werden. Und zum
ersten
Mal haben Beobachtungen bei 1.3-mm-Wellenlänge Ende 1994
erfolgreich
fringes (= Interferenzstreifenmuster) gezeigt, die als Beweis dienen,
daß
auch bei so kurzen Wellenlängen VLBI möglich ist.
Bei den Wellenlängen 7
und 3 mm ist auch das 100-m-Radioteleskop
in Effelsberg einsetzbar. 7-mm-Beobachtungen, die ein
Auflösungsvermögen
von 0.1 mas (entsprechend 1,3 Lichtjahren für eine Radioquelle in
17 Milliarden Lichtjahre Entfernung) erlauben, werden seit kurzem
routinemäßig
durchgeführt und ergeben Karten mit Dynamikbereichen von bis zu
500:1.
3-mm-Beobachtungen sind von der Logistik her noch schwieriger, werden
aber
inzwischen ein bis zweimal pro Jahr von hochspezialisierten
wissenschaftlich-technischen
Teams unternommen. Das Auflösungsvermögen ist hierbei in etwa
doppelt so groß wie bei 7 mm, allerdings ist der Dynamikbereich
z.Z.
auf 50:1 begrenzt.
Da das
Winkelauflösungsvermögen des VLB-Interferometers mit
kürzer werdender Beobachtungswellenlänge zunimmt, lassen sich
bei den nun neu zugänglich gemachten Beobachtungswellenlängen
von 7-mm- und 3-mmWellenlänge (und in naher Zukunft auch 1 mm)
Radiokarten
erstellen, die es erlauben, wesentlich "schärfer" in die bei
längeren
Wellenlängen selbstabsorbierten, Energie produzierenden Aktiven
Galaxienkerne
zu blicken, d.h. mehr und vor allem neue Details in deren innersten
Bereichen
zu erkennen: In der hellsten Radiogalaxie im Sternbild des Perseus
(Perseus
A = NGC 1275) konnten z.B. trotz der riesigen Entfernung von 330
Millionen
Lichtjahren Jetknoten mit einer Ausdehnung von nur 60 Lichttagen in nur
90 Mikrobogensekunden Abstand vom Kern nachgewiesen werden. Diese
kleinen,
aber sehr leuchtkräftigen Gebiete innerhalb des komplexen und
40-50
Lichtjahre langen Jets von NGC 1275 scheinen mit einer Geschwindigkeit
von 30000 km pro sekunde aus dem zentralen Schwarzen Loch
ausgestoßen
zu werden, um nach einer zurückgelegten Strecke von ca. 1-2
Lichtjahren
durch einen z.Z. noch recht unverstandenen Prozess auf das
Fünffache
ihrer Ursprungsgeschwindigkeit beschleunigt zu werden.
Ein möglicher
Schlüssel zum Verständnis der beobachteten
Geschwindigkeitsänderungen in den kernnahen Bereichen der Jets der
Aktiven Galaxienkerne wird uns durch den Beobachtungsbefund der
"helikal"
(d.h. spiralförmig) gekrümmten Jets gegeben.
Ein überraschendes
Ergebnis der mm-VLBI-Beobachtungen ist das Fehlen
gradliniger Ausbreitung nahe dem Zentrum. Tatsächlich sind die
Trajektorien
der Jetkondensationen in allen hinreichend genau studierten AGK
gekrümmt;
wir beobachten quasisinusförmige Bahnen und es scheint verlockend,
diese Muster als zweidimensionale Manifestationen von helikalen
Raumbewegungen
zu interpretieren, wie sie in hydrodynamischen oder
magnetohydrodynamischen
Modellen der Jetbewegungen von theoretischen Astrophysikern
vorausgesagt
werden. Zusätzlich haben die Beobachtungen eine Fülle von
Details
gezeigt, die sich z.Z. noch nicht alle kategorisieren lassen.
Erwähnenswert
zum Beispiel ist das Faktum, daß die einzelnen
ausgestoßenen
Komponenten sich zwar alle auf gekrümmten Bahnen zu bewegen
scheinen,
daß diese Bahnen aber nicht für jede einzelne Komponente die
gleichen sein müssen. Die Geschwindigkeiten der
Expansionsvorgänge
sind, wie wir es aus Beobachtungen im cm-Wellenlängenbereich
kennen,
scheinbar überlichtschnell und können somit als Nachweis von
hochrelativistischen Kernbewegungen gedeutet werden. Dies bedeutet
aber,
daß die beobachteten Phänomene mit den Gesetzen der
Einsteinschen
Relativitätstheorie beschrieben werden müssen. Somit kommen
Effekte
wie Zeitdilatation, Längenkontraktion und scheinbare
Intensitäts
und Geschwindigkeitsvergrößerungen ins Spiel, mit denen es
in
der Tat möglich ist, die Beobachtungsbefunde weitgehend zu
erklären.
So ist es beispielsweise
gelungen, aus der beobachteten Jetkinematik
und dem spiralförmigen Jetverlauf im Quasar 3C345 die geometrisch
bedingten und zeitlich variablen relativistischen Korrekturterme
vollständig
abzuleiten, und damit die zeitliche Entwicklung der im Jet fliegenden
PlasmaWolken
(Regionen verstärkter Teilchen- und Magnetfelddichte) frei von den
relativistischen Korrekturen darzustellen. Dabei zeigte sich, daß
der wahre zeitliche Ablauf der Helligkeitsentwicklung in einem
Jetknoten
sich sehr stark von dem scheinbaren beobachteten Ablauf
unterscheidet,
was erhebliche Auswirkungen auf das theoretische Verständnis der
physikalischen
Prozesse in Jets hat (Abb. 2)
Abb. 2: Der
besonders aktive Quasar 3C454.3 befindet sich in einer kosmologischen
Entfernung
von 1,4 Milliarden Lichtjahren.Er zeichnet sich durch seine extreme
Leuchtkraft
und eine besonders starke Variabilität seiner Helligkeit im
Radio-,
optischen und Gamma-Bereich aus. VLBI-Beobachtungen bei 3,5 mm
Wellenlänge
ermöglichen nun erstmals die detaillierte Untersuchung der
hochenergetischen
Phänomene in Quasaren mit der extrem hohen Winkelauflösung
von
bis zu 50 Mikrobogensekunden (1 Mikro-Bogensekunde = 10-6
Bogensekunden).
Damit läßt sich die unmittelbare Umgebung der Quasar, dem
wahrscheinlichen
Sitz von Milliarden Sonnemassen schwerer "Schwarzer Löcher",
genaueren
astrophysikalischen Studien zugänglich machen. Die Abbildung zeigt
zwei im Abstand von ca. 8 Monaten aufgenommenen Radiokarten des
kernnahen,
ca. 1,5 Millibogensekunden langen Jets von 3C454.3 bei 3,5 mm
Wellenlängen.
Die Winkelauflösung in beiden Radiokarten beträgt 70
Mikro-Bogensekunden
in Ost-West Richtung und 200 Mikro-Bohensekunden in Nord-Süd
Richtung
(siehe gelbe Ellipse links im unteren Bild). Mit dieser Auflösung
lassen sich Strukturen von nur 1,9 Lichtjahren Größe
erkennen.
Deutlich sichtbar ist die durch die gelben Linien angedeutete zeitliche
Veränderung im Jet. Zwischen April 1993 (oberes Bild) und Januar
1994
(unteres Bild) haben sich die markierten hellen Jetkomponenten B und C
relativ zum Kern A bewegt. Die Geschwindigkeit dieser Jetexpansion
beträgt
etwa das 12fache der Lichtgeschwindigkeit. Die zeitliche
Rückextrapolation
der hier gefundenen Bewegungen läßt es wahrscheinlich
erscheinen,
daß der Auswurf zumindest der Jetkomponente B mit einer durch den
Compton/Gamma-(CGRO) Satelliten gemessenen Strahlungsexplosion im
Gamma-Strahlungsbereich
in direktem Zusammenhang steht. An den VLBI-Beobachtungen waren neben
dem
100-m-Teleskop des MPIfR in Effelsberg und dem IRAM 30-m-Teleskop auf
dem
Pico Veleta (Spanien) auch ein schwedisches Radio-Teleskop (in Onsala
bei
Göteborg) und zwei amerikanische Radio-Antennen (in
Massachussetts)
beteiligt. Die VLBI-Daten wurden am Max-Planck-Institut für
Radioastronomie
in Bonn korreliert und ausgewertet.
Die seit kurzem im
Röntgen und Gamma-Wellenlängenbereich arbeitenden
Satelliten ROSAT (Röntgen Satellite) und CGRO (Compton-Gamma Ray
Observatory)
haben festgestellt, daß die Aktiven Galaxienkerne und Quasare in
diesen extremen Energiebereichen des elektromagnetischen Spektrums
besonders
hell und extrem variabel sind. Der Grund hierfür ist
möglicherweise
in der Wechselwirkung zwischen zentraler Akkretionsscheibe und
hochrelativistischem
Jet zu suchen. Neueste mm-VLBI Beobachtungen der im
Gamma-Wellenlängenbereich
besonders hellen Quasare 0528+134 und 3C454.3 bestätigen nun in
der
Tat den bereits vorher vermuteten Zusammenhang zwischen
Intensitätsausbrüchen
im Gamma- und Millimeterwellenlängenbereich und der Erzeugung
neuer,
scheinbar überlichtschneller Jetkomponenten, die in unmittelbarer
Nachbarschaft zum zentralen energieerzeugendem Objekt (50
Mikrobogensekunden
Kerndistanz) durch mmVLBI-Karten sichtbar gemacht werden konnten.
Generell sind die neuen
Beobachtungen im mm-Wellengebiet in guter Übereinstimmung
mit den Untersuchungen bei längeren Wellenlängen, zeigen aber
mehr Details und vor allem beschreiben sie einen dichter an dem
Energiezentrum
liegenden Teil des Jets. Wir sind also dem potentiellen Schwarzen Loch
noch näher gekommen ohne aber seine Existenz bisher zweifelsfrei
nachweisen
zu können
Max-Planck-Gesellschaft
Jahrbuch 1995. Copyright ©
1995 Max-Planck-Institut f. Radioastronomie.
MPIfR
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