Einleitung
Wenn die 3200 Tonnen des
Radioteleskops
Effelsberg sich auf Bruchteile eines Millimeters
genau auf Quellen ausrichten, die wir Pulsare nennen, so
interessieren sich die Astronomen in diesen Moment für die kaum
vorstellbaren, extremen Bedingungen,
die in der Umgebung dieser Himmelskörper herrschen. Zur
Verdeutlichung
dieser Bedingungen stelle man sich eine Kugel vor, deren Durchmesser
ungefähr
der Entfernung Rheinbach-Bonn entspricht. Man stelle sich vor,
daß
diese Kugel die Masse von etwa einer halben Millionen Planeten Erde
beinhaltet.
An der Oberfläche dieser Kugel ist die Schwerkraft 200 Milliarden
mal stärker als auf der Erde. Brächte man einen
Kubikzentimeter
Kugelmaterial auf die Erde, so würde dieser im Mittel 650
Millionen
Tonnen wiegen! Man stelle sich vor, daß diese Kugel ein
Magnetfeld
besitzt, das an der Oberfläche bis zu tausend Milliarden mal
stärker
ist als jenes der Erde. Man stelle sich vor, daß diese Kugel mit
bis zu 3.5 Millionen km/h durch das All rast, so daß sie die
Entfernung
Bonn-Madrid in zwei Sekunden zurücklegen könnte. Man stelle
sich
schließlich vor, daß sich diese Kugel in einer Sekunde ein
bis 650 mal um sich selbst dreht. Durch das starke Magnetfeld wird die
Kugel abgebremst, wobei ihre Rotationsenergie in verschiedenste Formen
elektromagnetischer Strahlung verwandelt wird. Der erlittene
Energieverlust
erreicht leicht die Leuchtkraft der Sonne oder übersteigt je nach
Rotationsgeschwindigkeit sogar 1031 (=10 000 000 000 000 000
000 000 000 000 000) Watt. Die Energie, die pro Sekunde
abgestrahlt
wird, würde also ausreichen, um den gesamten Energieverbrauch auf
der Erde für die komplette Lebenszeit des Universums zu decken.
Solche
außergewöhnlichen Objekte existieren. Man kann es als
großen
Triumph der Astrophysik ansehen, daß ihre Existenz schon 1934
lange
vor ihrer Entdeckung vorhergesagt wurde. Erst im Sommer 1967 wurden von
den Cambridger Astronomen Anthony Hewish und Jocelyn Bell gepulste
Radiosignale
beobachtet, die sich mit erstaunlicher Genauigkeit wiederholten. Diese
zufällige Entdeckung wurde bald durch die unerwartete Erkenntnis
erklärt,
daß man die oben beschriebenen Objekte gefunden hatte. Sie
wurden,
da sie uns als pulsierende Radioquellen (engl. Pulsating
Radiosource) erscheinen,
Pulsare
getauft.
Was sind Pulsare?
Pulsare entstehen während einer Supernova-Explosion,
also
dem dramatischen Gravitationskollaps massenreicher Sterne, die ihren
nuklearen
Brennstoff verbraucht haben. Während im "normalen Leben"
eines Sterns leichtere Atomkerne durch Kernfusion in schwerere
überführt
werden und dabei jene Energie freigesetzt wird, die auch die Sonne der
Erde spendet, so stürzt der Stern nach dem Versiegen der
Kernfusion
in sich zusammen. Die Hülle des Sterns wird dabei in das
umgegebene
Medium weggesprengt, so daß eine Leuchtkraft erzeugt wird, die
ggf.
kurzzeitig die einer ganzen Galaxie übersteigt. So beobachteten
chinesische
Astronomen im Jahre 1054 einen "sehr hellen, neuen Stern" (nunmehr
lat. Supernova genannt), der so hell war, daß er für
Wochen selbst am Taghimmel sichtbar war. Dann verschwand dieses neue
Objekt
wieder, und heute wissen wir, daß es jene gewaltige Explosions
eines
Sterns darstellte, deren Rückstände wir heute noch als
"Krebsnebel"
beobachten können (Abb. 1). Während die äußere
Hülle
bei einer Supernova-Explosion abgestoßen wird, kollabiert der
Kern
des Sterns. Elektronen werden in Protonen gepreßt und bilden
Neutronen.
Aus dem Kern entsteht ein 20 km bis 30 km großes Objekt, das
damit
vorwiegend aus Neutronen besteht ein Neutronenstern.
Abbildung 1: Der Krebsnebel, in dessen Zentrum
sich
ein Pulsar befindet (Copyright: S. Kohle, T. Credner et al.,
AIUB).
Ähnlich einer Eiskunstläuferin, die bei einer
Pirouette durch
das Anziehen der Arme immer schneller wird, so rotiert der
Neutronenstern
durch die aufgetretene Massenkontraktion nun erheblich schneller als
sein
viel größerer Vorgängerstern. Durch das Aussenden eines
schmalen, kegelförmigen Radiostrahls wird er schließlich zu
einem kosmischen Leuchtturm, der dann zu beobachten ist, wenn die Erde
von seinem Strahl zufällig gestreift wird.

Abbildung 2: Der Leuchtturm-Effekt, der bei
einem
Pulsar die beobachtete pulsierende Strahlung erzeugt.
Neutronensterne sind während sie langsam
abkühlen an ihrer
Oberfläche einige Millionen Grad heiß. Obwohl sie daher
gleißend
hell erscheinen sollten, sind Neutronensterne zu klein, um durch eine
ausreichend
große Oberfläche genügend Leuchtkraft zu erzeugen, die
sie von der Erde aus optisch beobachtbar machen würde. An die
Möglichkeit,
daß Neutronensterne Radiostrahlung aussenden könnten, wurde
vor der Entdeckung der Pulsare zunächst nicht gedacht. Man hatte
daher
keine Hoffnung, Neutronensterne jemals beobachten zu können. Die
Entdeckung
von Hewish und Bell, daß Pulsare mit Neutronensterne zu
identifizieren
sind, kam daher überraschend und bot auf einmal die
Möglichkeit,
bisher nicht für möglich gehaltene Experimente
durchzuführen.
Diese Leistung wurde
1974
mit dem Nobelpreis für Physik belohnt.
Pulsare als Uhren im Kosmos
Durch die große Masse, die bei Neutronensternen
rotiert, stellen
Pulsare schwere, extrem stabile Schwungräder dar, die in ihrem
Lauf
nur sehr schwer gestört werden können. Die Pulse werden
deshalb
so regelmäßig ausgesendet, daß die Genauigkeit im
Abstand
der Pulssignale vergleichbar mit den besten irdischen Atomuhren sein
kann.
Wir sind z.B. in der Lage, bei bekannten Pulsaren die Ankunftszeit
eines
Pulses schon Jahre voraus auf Bruchteile einer Millisekunde
vorherzusagen.
International wird daher in der Tat das Projekt verfolgt, die absolute,
auf der Erde verwendete Zeit nicht mehr durch eine Gruppe von
verschiedenen
Atomuhren, sondern durch ein Ensemble von Millisekunden-Pulsare
bestimmen
zu lassen. Damit wäre der Kreis von der ursprünglichen
Bedeutung
der Astronomie für die Menschheit, nämlich die Messung der
Zeit,
wieder auf interessante und unerwartete Weise geschlossenen. Sieht man
sich die einzelnen Pulse näher an, so entdeckt man neben einer
Variation
in der Stärke eine erstaunliche Vielfalt an Strukturen.
Einstein und die Pulsare
Wäre der Durchmesser eines Neutronensterns (bei
gleicher Masse)
nur um ungefähr die Hälfte kleiner, dann würde statt
dessen
ein
Schwarzes
Loch entstehen. Was auf der Erde unmöglich ist, wird durch
Pulsare als super-genaue kosmische Uhren für den Astrophysiker nun
möglich: Untersuchungen zur Physik in starken Schwerefeldern, also
insbesondere in jenem Bereich, in dem die Allgemeine
Relativitätstheorie
von Albert Einstein ihre Anwendung findet. Tatsächlich sagte diese
Theorie als einzige Effekte voraus, die jedoch bis 1974 nicht
bestätigt
werden konnten, da entsprechende Laboratorien fehlten. Dann aber wurde
von Russel Hulse und Joe Taylor ein Pulsar entdeckt, der in weniger als
acht Stunden von einem zweiten Neutronenstern umkreist wird. Beide
Wissenschaftler
konnten zeigen, daß sich die Umlaufperiode der Sterne bei jedem
Umlauf
um ungefähr das Zehntel einer millionsten Sekunde verkürzt!
Dieser
Effekt (hervorgerufen durch das Ausstrahlen von Gravitationswellen)
konnte nur durch die Allgemeine Relativitätstheorie
erklärt werden,
so daß die Entdeckung von Hulse und Taylor zum letzten,
großartigen
Beweis für die Richtigkeit von Einsteins Theorie wurde. Beide
Wissenschaftler
wurden hierfür
1993
mit dem Nobelpreis für Physik geehrt.
Neueste Ergebnisse
Die Erfolge des Effelsberger Radioteleskops in den
letzten 25
Jahren haben gezeigt, daß es einzigartig in seiner
Empfindlichkeit bei Wellenlängen im kurzen cm-Bereich ist. Dieser
Bereich des
elektromagnetischen
Spektrums ist für Pulsare sehr interessant, da die dort
emittierte Strahlung nahe der Pulsaroberfläche entsteht. Im
August 1996wurde am Effelsberger Radioteleskop erneut ein neuer
Weltrekord aufgestellt, indem Pulsare bei einer Wellenlänge von
nur 7mm beobachtet werden konnten. Dieses stellte die kürzeste
Radiowellenlänge dar, bei der Pulsare je beobachtet wurden. Die
Ergebnisse sindaufregend, da sie auf einen unerwarteten Verlauf im
Spektrum der Pulsare hindeuten und somit entscheidende Hinweise auf
den (bis jetzt immer noch unverstandenen!) Emissionsprozess
liefern. In Zusammenarbeit mit französichen und spanischen
Kollegen
konnte dieser
Weltrekord
sogar noch auf eine Wellenlänge von nur 3mm gesteigert werden.
Abbildung 3: Die hier dargestellten Pulsformen
wurden bei Frequenzen bis zu 43 und 87 GHz gemessen.
Dies sind die höchsten Radiofrequenzen, bei der Pulsare jemals
beobachtet
wurden. Sie entsprechen einer Emissionshöhe von nur 50-100km
über
der Pulsaroberfläche.
Die
mittlere
Pulsform
ist für jeden Pulsare charakteristisch wie ein Fingerabdruck und
hängt nur von der Beobachtungfrequenz
ab. Um so überraschender ist daher die Vielfalt der einzlenen
Pulse.
Diese dauern im allgemeinen weniger als ein Zwanzigstel
der Pulsperiode. Bei hoher zeitlicher Auflösung zeigt sich eine
große Variation in ihrer Form und Intensität.
Da einzelne Pulse eine Momentaufnahme der Plasmaprozesse
in der Pulsarumgebung
darstellen, kann man aus ihnen wertvolle Informationen über den
Emissionsprozeß gewinnen.
Die Mittelung einiger hundert von ihnen liefert immer das gleiche,
einer Langzeitbelichtung ähndelndes Pulsprofil.
Durch das Studium dieser "Fingerabdrücke" kann man
unter anderen die geometrischen Verhätnisse wie die relative
Anordnung
von Magnet- und Rotationsachse ergründen. Dies ist möglich,
weil
Pulsarstrahlung zumeist hoch linear (aber auch zirkular) polarisiert
ist
und die großen Feldstärken die Polarisationsrichtung an die
Magnetfeldrichtung im Emissionsgebiet koppeln.

Abbildung 4: Die mittleren Pulsformen sind
charakteristisch
und unverwechselbar für jeden Pulsar. Die einzelnen Pulse
hingegen, aus denen die mittlere Pulsprofil gebildet wird, zeigen
jedoch neben einer Variation in der Stärke auch eine erstaunliche
Vielfalt an kurzzeitigen Strukturen.
Millisekunden-Pulsare
Die große Merheit aller Pulsare zeigt typsiche
Perioden von
0.1 bis 5 Sekunden. Eine Gruppe von ca. 70 Objekten zeigt jedoch
Pulseperioden, die sehr viel kleiner sind und im Bereich von 1.5 bis
50 Millisekunden liegen. Der erste dieser "Millisekunden-Pulsare"
wurde 1982 entdeckt und besitzt mit 1.557 Millisekunden immer noch die
kleinste aller bekannten Perioden. Solche Objekte entstehen in
Doppelsternsystemen, bei denen einer der Begleiter ein verloschener
Pulsare ist. Auch Pulsare können sterben, wenn ihre Rotation so
verlangsamt ist, daß keine Ladungen mehr erzeugt und entlang der
Magnetfeldlinien beschleunigt werden, wodurch sonst die beobachtete
Radiostrahlung erzeugt wird. Durch den ständigen Verlust an
Rotationsenergie durch die Abgabe elektromagnetischer Strahlung bremst
der Pulsar nämlich ab und "stirbt" irgendwann. Hat der Pulsar
jedoch einen Begleiter, so kann dieser ihm Masse übertragen,
worauf der Pulsar wieder wie eine Eiskunstläuferin auf
Millisekunden-Perioden beschleunigt wird.
Der Massenübertrag durch den Begleiter hat auch
Auswirkungen auf die
Stärke des Pulsar-Magnetfeldes.
Ein Millisekunden-Pulsar zeigt in der Regel
ein zehntausendfach kleineres Magnetfeld als ein "normaler" Pulsar, das
jedoch immer noch 100 Millionen mal stärker ist als das der Erde.
Dennoch entsteht durch den gewaltigen Unterschied in den Magnetfeldern
und
Pulsperioden zwischen Millisekunden- und normalen Pulsaren die Frage,
inwieweit
beide Gruppen den gleichen Emissionsprozeß aufweisen können.
Aus diesem Grunde werden die Eigenschaften der in der Regel
leuchtschwächeren Millisekunden-Pulsare systematisch studiert und
verglichen.
Abbildung 5: Millisekunden-Pulsare sind
typischerweise
leuchtschwächer als normale Pulsare, so daß nur die
größten Radioteleskope in der Lage sind, die Mehrheit dieser
interessanten Objekte zu beobachten. Dies ist eine einzigartige
Sammlung
von Millisekunden-Pulsar Profilen, die bei 1.4 GHz in Effelsberg
erstellt
wurde.
Blick in die Zukunft
Die offenen Fragen der Pulsarforschung sind zahlreich
und versprechen
viele aufregende Ergebnisse für die Zukunft. Das Effelsberger
Radioteleskop ist insbesondere für die Beobachtung von Pulsaren
ein ideales Instrument und kann zur der Lösung der gestellten
Fragen entscheidende Beiträge liefern.
(
Michael
Kramer,
Richard Wielebinski, , Copyright MPIfR 1996, 1998)
public_at_mpifr-bonn.mpg.de
Last modified on Wednesday, 13-Feb-2002 by njn.