A.
Belloche, C. Comito, C. Hieret, S. Leurini, K.M. Menten,
P. Schilke
Mit dem Einsatz von
innovativen Detektoren an den leistungsfähigsten Teleskopen bei
Radio- und (Sub)millimeter-Wellenlängen ist die Suche nach
komplexen, organischen Molekülen im interstellaren Medium in eine
neue Phase getreten. Besonders in den dichten, warmen Hüllen
leuchtkräftiger Protosterne werden immer komplexere chemische
Verbindungen entdeckt. Die von dichten, heißen Molekülwolken
gefüllte Umgebung des Zentrums unserer Galaxis nimmt bei diesen
Studien eine Sonderstellung ein: Dort werden mehr solcher Moleküle
gefunden als in jeder anderen Region.
Komplexe
Moleküle im Universum
Von 1965 bis heute wurden im
interstellaren Medium und in
zirkumstellaren Hüllen 126 verschiedene Molekülsorten
gefunden. Auch dieser Tage werden noch immer "neue" Moleküle
entdeckt, mit einer Rate von ca. 2 pro Jahr. Durch jede dieser
Entdeckungen wird das Bild der Chemie unseres Universums bereichert -
in oft überraschender Weise.
Ein großer Teil dieser
Molekülsorten ist organischer Natur.
Deshalb ist derzeit insbesondere die Suche nach sog.
"Biomolekülen" von großem Interesse. So wurde vor ca. 2
Jahren erstmals die Beobachtung der einfachsten Aminosäure,
Glyzin, im interstellaren Medium gemeldet. Diese "Entdeckung" ist
allerdings noch äußerst kontrovers und bedarf einer
Bestätigung.
Mit zunehmender Komplexität
eines Moleküls wächst die
Zahl seiner möglichen Strahlungsübergänge rapide an, die
Zustandssumme nimmt zu, die Intensität einer einzelnen Linie
entsprechend ab. Anstelle weniger, aber starker Linien muss für
Suchtechniken nach Biomolekülen also ein Ensemble vieler schwacher
Linien im Vordergrund stehen. Da die Zustandssumme, die ja die
Verteilung der Moleküle auf die einzelnen Energieniveaus
beschreibt, naturgemäß auch mit der Temperatur ansteigt,
sollte man meinen, dass die Beobachtung der kältesten
molekülreichen Objekte, der kalten interstellaren Dunkelwolken mit
einer Temperatur um 10 K, am Erfolg versprechendsten wäre.
Anregungen bei Gastemperaturen um 10 K entsprechen Emissionsfrequenzen
im Zentimeter- und langwelligen Millimeterbereich. Weil die
Intensität von Linienemission mit der Frequenz sehr stark
anwächst, kann man abschätzen, dass das Frequenzfenster
zwischen ca. 15 und 150 GHz (2 mm - 2 cm Wellenlänge) optimal
für die Entdeckung komplexer Moleküle ist.
Max-Planck-Forscher benutzen die bei diesen Wellenlängen
leistungsfähigsten Teleskope (Abb. 1).

Abb. 1: Das Effelsberger 100-m-Teleskop (links)
ist, zusammen mit dem
neuen Green Bank-Teleskop (GBT) des US National Radio Astronomy
Observatory (NRAO), derzeit im Bereich von 15 bis 35 GHz ohne
Konkurrenz. Dank seines neuen Subreflektors, den ein vor kurzem
bewilligter MPG-Großgeräteantrag ermöglicht, wird sich
dieser Frequenzbereich auf 50 GHz (und höchstwahrscheinlich sogar
auf 100 GHz) ausdehnen lassen. Mit einem neuen breitbandigen
Spektrometer, das unser Institut derzeit plant, wird die Suche nach
komplexen Molekülen mit dem 100-m-Teleskop zu einem Schwerpunkt
unserer Arbeit werden.
Für Messungen zwischen 70 und 120 GHz (und
auch darüber, bis 280 GHz) ist das 30-m-Teleskop von IRAM auf dem
Pico Veleta bei Granada (Mitte) weltweit das mit Abstand
leistungsfähigste Instrument. Das in Grenoble angesiedelte
Institut für Radioastronomie im Millimeterbereich (IRAM) ist eine
Kooperation der Max-Planck-Gesellschaft mit dem französischen
Centre de Recherche Scienitfique und dem Observatorio Astronomico
National in Madrid.
Beobachtungen bei noch höheren Frequenzen, bis
1400 GHz, wird das Atacama Pathfinder EXperiment 12m Teleskop (APEX)
ermöglichen (rechts). APEX wird gemeinsam vom MPIfR, der
Europäischen Südsternwarte und dem schwedischen Onsala Space
Observatory in 5000 m Höhe auf dem Chajnantor-Plateau in der
chilenischen Atacama-Wüste betrieben.
Urheber: Max-Planck-Institut für
Radioastronomie
Sagittarius B2 -
Die Heimat der großen Moleküle
Zwar wurden in der Tat eine Reihe von
neuen Molekülen in kalten
Dunkelwolken gefunden, doch wurden während des letzten Jahrzehnts
überraschenderweise immer mehr komplexe Moleküle in
unmittelbarer Umgebung extrem leuchtkräftiger, massereicher
Protosterne entdeckt. Diese Objekte sind noch tief eingebettet in
dichtes, warmes, plazentales Material, welches von ihrer Entstehung
übrig geblieben ist. Weshalb kann man dort solche Mengen an
komplexen Molekülen beobachten? Man nimmt an, dass chemische
Reaktionen in den Eismänteln von Staubkörnern, auf denen
auftreffende einfache Moleküle haften bleiben, komplexe
Verbindungen mit hoher Effizienz erzeugen. Sobald der Stern
zündet, wird das Eis verdampft, und die Moleküle gelangen in
die Gasphase.
Eine der prominentesten dieser
Molekülquellen befindet sich im
Kern der Riesenmolekülwolke Sagittarius B2, in der sich eines der
aktivsten Sternentstehungsgebiete unserer Galaxis befindet. Nur 400
Lichtjahre vom galaktischen Zentrum entfernt (Abb. 2), finden sich in
einem dichten, über 200 K heißen Kern mehr komplexe
Molekülsorten als in jeder anderen bekannten Region. Prof. Lewis
Snyder (University of Illinois, ehemaliger
Humboldt-Forschungspreisträger am MPIfR), einer der
erfolgreichsten Moleküljäger, hat (voller Stolz auf seine
deutschen Ursprünge) diese Quelle "Large Molecule Heimat" (LMH)
getauft. Dort wurden neben Alkoholen und Formaldehyd z. B.
Ameisensäure, Essigsäure, Azeton, Glykoaldehyd (der
einfachste Zucker) und Ethylenglykol entdeckt.

Abb. 2: Rechts sehen wir Radiostrahlung der
Wellenlänge von 90 cm
(330 MHz) aus dem innersten Bereich der Galaxis. Staubemission aus den
dichten, heißen Kernen des Sternentstehungsgebiets in der
Molekülwolke Sagittarius B2 ist links zu sehen. Diese Karte wurde
bei einer Wellenlänge von 0.350 mm (850 GHz, mehr als 2000 mal
kürzer als die der Radiokarte) mit dem 10-m-Teleskop des Caltech
Submillimeter Observatory auf Mauna Kea, Hawaii, aufgenommen. Die Large
Molecule Heimat ist assoziiert mit der nördlichen Quelle (oben im
Bild). Längenskalen in Lichtjahren sind durch Balken markiert.
Auch wegen seiner Lage am Südhimmel wird das galaktische Zentrum
eines der interessantesten Objekte für APEX sein. (M = Main, LJ =
Lichtjahr, RA offset (arcsec) = Abstand in Rectaszension in
Bogensekunden, DEC offset = Abstand in Deklinatin in Bogensekunden).
Urheber: Max-Planck-Institut für
Radioastronomie
Seit 2003
analysieren wir den gesamten mit dem 30-m-Teleskop von IRAM (Abb. 1)
beobachtbaren Frequenzbereich in systematischer Weise. Bei solchen
Durchmusterungen, in denen unsere Gruppe große Erfahrung hat,
wird der ganze von einem Empfänger überdeckte Bereich mit
gleichmäßigem Rauschpegel beobachtet. Bislang wurde das
Intervall von 75 - 110 Gigahertz (2.7 - 4 mm) durchgekämmt. Die
Komplettierung bis 116 GHz, der Obergrenze des so genannten
"3-Millimeter-Fensters", ist im Gange.
In diesem Bereich haben wir viele
Hunderte Spektrallinien entdeckt,
wovon ein großer Teil zurzeit noch nicht identifiziert ist (Abb.
3). In einer konzertierten Aktion mit dem Spektroskopielabor der
Universität zu Köln versuchen wir, diese "U-Linien" zu
identifizieren. Eines der Ziele dabei ist es, neue Spezies wie z.B.
Aminoacetonitril (NH2CH2CN, chemisch gesehen eine
Vorstufe von Glyzin)
aufzuspüren.
Bisher nicht identifizierte
Moleküle haben in der Regel eine
geringe Häufigkeit und daher nur schwache Spektrallinien. Um eine
sichere Identifikation zu gewährleisten ist es also erstens
nötig, möglichst viele Linien der Kandidaten-Spezies zu
beobachten, wobei deren relative Intensitäten durch eine
Temperatur zu beschreiben sein müssen. Zweitens braucht man
Labordaten für möglicherweise "kontaminierende"
Molekülsorten. Die Entscheidung, welche Spezies
berücksichtigt werden müssen, sowie die Durchführung der
relevanten Messungen sind schwierige, aber nicht unlösbare,
Probleme.

Abb. 3: Beispiele von Spektren - Temperatur als
Funktion der Frequenz -
von Sgr B2-M (oben) und der Large Molecule Heimat (LMH) (unten). In
Richtung von M sieht man zusätzlich zur Emission der
Molekülwolke auch Absorption des die Wolke umhüllenden
Gasmantels und, darüber hinaus, Absorptionskomponenten von
Molekülwolken, die zwischen der Sonne und dem galaktischen Zentrum
liegen. (Letztere erscheinen bei etwas anderen Frequenzen wegen des
Dopplereffekts der sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten
drehenden Spiralarme.) In dem Spektrum finden sich Linien von H13CO
und
HN13C, isotopische Varianten, in denen das 12C-Atom
durch ein 13C-Atom
ersetzt ist. Man kann durch Messung verschiedener Isotopomere die
Variation der Isotopenanreicherung, eine Folge von Fusionsprozessen in
Sternen, als Funktion des galaktozentrischen Abstands bestimmen und so
Rückschlüsse auf vergangene Sternentstehung in
unterschiedlichen Regionen der Galaxis gewinnen.
Die
Moleküle im
Spektrum der Large Molecule Heimat findet man weder im Mantel um Sgr B2
noch in den Spiralarmen. Da die LMH nicht direkt vor einer
Kontinuumsquelle liegt, deren Strahlung absorbiert werden könnte,
sind in dem Spektrum ausschließlich Emissionslinien zu sehen.
Bemerkenswert ist die große Anzahl unidentifizierter Linien (mit
"U" gekennzeichnet). Während ein Teil dieser Linien durchaus von
noch nicht identifizierten, interessanten Spezies stammen mag,
gehören viele andere wahrscheinlich zu bereits bekannten Sorten,
die wegen der Unvollständigkeit der verfügbaren Labordaten
noch nicht zugeordnet werden können. Die Abbildung illustriert die
Schwierigkeiten, denen man begegnet, wenn man sehr schwache Linien von
interessanten Molekülen geringer Häufigkeit einwandfrei
identifizieren will.
Urheber: Max-Planck-Institut für
Radioastronomie
Eine
riesige
organische Molekülwolke um das galaktische Zentrum
In "normalen Molekülwolken"
findet man räumlich ausgedehnte
Emission praktisch nur bei dem relativ häufigen und leicht zu
beobachtenden Molekül Kohlenmonoxid (CO). (Das mit Abstand
häufigste Molekül, H2, strahlt unter
Normalbedingungen
praktisch gar nicht.) Nach vorherrschender Meinung treten komplexe
Moleküle nur in dichten, heißen Kernen auf. Entsprechend
überrascht waren wir, als wir sehr starke Emission von
Methylalkohol (CH3OH) in der gesamten galaktischen
Zentrumsregion, in
der man CO sieht, beobachten konnten, d.h. insb. im ganzen Bereich der
Radioemission (Abb. 2). Das Gas in dieser Region ist mit 200 K viel
heißer als in typischen Molekülwolken (20 - 30 K).
Eine denkbare Ursache der hohen
Methanolhäufigkeiten in der
Gasphase wäre wiederum die Verdampfung von Eiskornmänteln.
Wie solch große Mengen an Methanol und, wie weitere Messungen
zeigen, anderen, und sogar komplexeren Molekülen, in
Staubkornmänteln angereichert werden können, ist noch
ungeklärt, ebenso der hochenergetische Mechanismus, mit dem das
Gas großräumig auf die zur Verdampfung nötigen
Temperaturen aufgeheizt wird. Durch Wolkenkollisionen erzeugte
Schockwellen sind eine Möglichkeit.
Eine
goldene Zukunft für die Molekülspektroskopie mit
innovativer Digitaltechnologie
Liniendurchmusterungen mit dem Ziel,
neue Molekülsorten zu
entdecken, kosten sehr viel teure Teleskopzeit, da die Emission noch
unentdeckter Spezies im allgemeinen recht schwach ist. Zudem ist Sgr
B2, die erfolgversprechendste Quelle, in Effelsberg nur für ca.
1.5 Stunden pro Tag beobachtbar, auf dem Pico Veleta für wenige
Stunden. Deshalb sind empfindliche Überdeckungen von großen
Frequenzbereichen nur mit einer großen Anzahl von
Frequenzeinstellungen durchführbar und mithin extrem
zeitaufwändig - herkömmliche Spektrometer haben eine
begrenzte Bandbreite von maximal einem Gigahertz und Dutzende von GHz
müssen überdeckt werden!
Wir verfolgen die neuesten
Entwicklungen in der Digitalelektronik mit
größtem Interesse, weil es aufgrund von Moore’s Law
heutzutage möglich ist, ein auf der Fast Fourier Transform
(FFT)-Technologie basierendes Spektrometer mit 16 GHz Bandbreite in
einem machbaren Kostenrahmen zu realisieren. Damit könnte man den
gesamten für Effelsberg relevanten Frequenzbereich mit einer
einzigen Einstellung überdecken anstatt, wie derzeit allein
möglich, mit 40 aufeinanderfolgenden. (Das derzeit in Effelsberg
eingesetzte Spektrometer hat eine Bandbreite von 400 MHz.) Dieser
Gewinnfaktor wird noch einmal mehr als verzehnfacht(!) für Quellen
mit schmaleren Linien als Sgr B2, die eine entsprechend höhere
Spektralauflösung benötigen.
Mit solchen FFT-Spektrometern wird es
möglich sein, "chemical
fingerprints" einer größeren Anzahl von Molekülquellen
zu bestimmen, die im allgemeinen schwächere Emission zeigen als
Sgr B2. Dies würde unser Bild der Chemie in dichten, heißen
Sternentstehungsregionen (und natürlich vielen anderen Quellen)
signifikant erweitern und insbesondere die Verteilung biologisch
interessanter Moleküle auf galaktischer Skala erhellen.
Max-Planck-Gesellschaft Jahrbuch 2004. Copyright
© 2004 Max-Planck-Institut
f. Radioastronomie.
MPIfR-Home
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