R. Beck, E.M. Berkhuijsen, A. Fletcher, A.
Jessner,
M. Krause, O.
Löhmer, D. Mitra, R. Wielebinski
mit
Ch. Chyzy, M. Soida, M. Urbanik/Univ. Krakau,
Polen,
A. Shukurov/Univ.
Newcastle, UK, D. Moss/Univ. Manchester,UK, D. Sokoloff/Univ.
Moskau, Russland, H. Roussel/Caltech Pasadena, USA, M. Kramer/Jodrell
Bank, UK, J.A. Brown/Calgary, Kanada
Magnetfelder sind überall im Kosmos anzutreffen,
aber ihre Rolle
bei der Bildung von Galaxien, Spiralarmen und Sternen ist noch immer
unverstanden.
Neue Radiokarten, gemessen am 100-m-Teleskop Effelsberg und kombiniert
mit Daten vom Very Large Array/USA, zeigen eine enge Verbindung
zwischen
turbulenten interstellaren Magnetfeldern und kalten Gaswolken.
Ausgerichtete
Magnetfelder sind dagegen zwischen den Spiralarmen oder sogar quer zu
diesen
orientiert. - Aus neuen Messungen der Faraday-Rotation von
Pulsar-Signalen
konnte die Struktur des lokalen Magnetfeldes in unserer Milchstrasse
bestimmt
werden. In einem ausgewählten Gebiet wurde nachgewiesen, dass eine
heisse Gaswolke das Magnetfeld verbiegt.
99% der sichtbaren Materie ist im Plasmazustand und kann
daher durch
magnetische Kräfte beeinflusst werden. Eines der Ziele der
Forschungsarbeiten
am MPIfR ist, die Bedeutung der kosmischen Magnetfelder zu klären.
Dafür eignen sich besonders Radiowellen: Hochenergetische
Elektronen
aus den Stoßfronten der Überreste explodierter Sterne
(Supernovae)
breiten sich im interstellaren Raum aus, werden von interstellaren
Magnetfeldern
eingefangen und emittieren auf Spiralbahnen um die Feldlinien linear
polarisierte Synchrotronstrahlung.
Dabei ist die Stärke der Radiostrahlung ein Maß für die
Magnetfeldstärke, und aus der Polarisationsrichtung lässt
sich
die Orientierung des Magnetfeldes bestimmen. Radioteleskope sind daher
exzellente Magnetometer und erlauben es, Magnetfelder sowohl in unserer
Milchstraße wie auch in entfernten Galaxien aufzuspüren.
Um die vollständige Magnetfeldstruktur in Galaxien
zu erfassen,
bedienen wir uns eines Tricks: Messungen mit dem Effelsberger
100-Meter-Radioteleskop,
welche die volle Ausdehnung erfassen ("Weitwinkel"), kombinieren wir
mit
Beobachtungen eines Radiointerferometers, wie des VLA (Very Large
Array)
in Socorro/New Mexico oder des ATCA (Australia Telescope Compact Array)
in Narrabri/Australien, diese zeigen dann die Details ("Teleobjektiv").
Auf diese Weise haben wir die Magnetfeldstrukturen von sehr vielen
Galaxien
vermessen (www.mpifr-bonn.mpg.de > Forschung > Atlas of Magnetic
Fields).
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Abbildung 1:
Gesamte Radiostrahlung
(Konturlinien) und polarisierte Radiostrahlung (Striche) aus der
Galaxie
M 51, gemessen mit den Radioteleskopen Effelsberg und VLA bei
3.6-cm-Wellenlänge.
Das optische Bild im Hintergrund wurde vom Hubble Space Telescope der
NASA/ESA
aufgenommen. |
Die Orientierung der Magnetfeldlinien folgt im
allgemeinen der optischen
Spiralstruktur; die stärksten ausgerichteten Magnetfelder (hoher
Polarisationsgrad
der Radiostrahlung) liegen allerdings zwischen den Spiralarmen (Abb.
1), bisweilen auch quer zu diesen (Abb. 2). In den
Spiralarmen
sind die Magnetfelder sehr stark, aber weitgehend turbulent (geringer
Polarisationsgrad).
Dort entstehen Sterne aus kalten Gaswolken. Die Feldstärke steigt
mit zunehmender Gasdichte an, als ob die Feldlinien in den Gaswolken
verankert
sind - eine scheinbar paradoxe Situation, denn kaltes Gas enthält
kaum freie Ladungen. Eine Beeinflussung der Magnetfelder wie in heissen
Gaswolken (siehe Abb. 6) sollte daher nicht möglich sein.
Allerdings
ionisiert das Licht junger Sterne die äusseren Gebiete der kalten
Gaswolken, und dort könnten die Feldlinien angekoppelt sein.
Unterstützt
wird diese Idee durch unsere Beobachtung, dass die Radiokarten den
Karten
der Infrarot-Strahlung in allen bisher untersuchten Galaxien
verblüffend
ähnlich sind. Infrarot-Strahlung wird von warmem Staub emittiert,
der zusammen mit warmem Gas in der Nähe junger Sterne auftritt.
Diese
Korrelation konnten wir durch ein neuartiges mathematisches Verfahren,
der "Wavelet-Analyse", statistisch untermauern.
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Abbildung 2:
Polarisierte Radiostrahlung
(Konturlinien und Striche) aus der Galaxie NGC 3627, gemessen mit den
Radioteleskopen
Effelsberg und VLA bei 3.6-cm-Wellenlänge. Die Richtung des
Magnetfeldes
(nach aussen oder in die Galaxie hinein) bleibt mit dieser Messung
unbestimmt
und erfordert zusätzliche Messungen der Faraday-Rotation wie in
der
Milchstraße (s. Abb. 4). Das optische Bild im Hintergrund wurde
vom
Hubble Space Telescope der NASA/ESA aufgenommen. |
Möglicherweise spielen Magnetfelder auch bei der
Bildung der Spiralarme
eine wichtige Rolle. Wir haben herausgefunden, dass die magnetische
Energiedichte
in den Spiralarmen von NGC 6946, einer typischen Spiralgalaxie,
grösser
ist als die thermische Energie des Gases und vergleichbar mit der
Energiedichte
der turbulenten Bewegung der Gaswolken in den Spiralarmen. Das legt die
Vermutung nahe, dass die für die Produktion von Magnetfeldern (Dynamo)
und für die Bildung von Spiralarmen verantwortlichen Prozesse
kooperieren
oder sogar identisch sind.
Die Galaxie mit den schönsten Spiralarmen ist M 51
im Sternbild
der Jagdhunde. Aus Messungen mit dem Effelsberger 100-m Teleskop und
mit
dem VLA bei 3.6-cm-Wellenlänge entstand eine neue Radiokarte (Abb.
1) mit einer Winkelauflösung von 8", was rund 1000 Lichtjahren in
der Entfernung von etwa 30 Millionen Lichtjahren entspricht, doppelt so
scharf wie die vorhergehende Karte (s. MPG Jahrbuch 1999, S. 723). Die
gesamte Radiostrahlung stammt vor allem aus den Spiralarmen, wo Staub
und
molekulares Gas konzentriert sind. Die Magnetfeldstärken in den
dichten
Staubwolken (oben in Abb. 1) erreichen 30 MikroGauss (3 nT). Das ist
rund
10mal stärker als im lokalen Spiralarm unserer Milchstraße
(Abb.
4) und der höchste bisher in Spiralarmen gemessene Wert. Der
Polarisationsgrad
ist dort allerdings gering, weil dieses starke Magnetfeld weitgehend
turbulent
ist. Die polarierte Strahlung (also die homogenen Magnetfelder) zeigt
keine
Konzentration auf die Spiralarme, wie es nach der Theorie der
Dichtewellen
erwartet worden war. Das Magnetfeld unterliegt keiner Kompression. Das
spiralförmige Magnetfeld ist erstaunlich gleichförmig und
reicht
bis ins Zentrum der Galaxie, wo es von uns nicht mehr aufgelöst
werden
kann.
Magnetfelder bilden jedoch nicht immer ein
gleichmässiges Spiralmuster.
In der Spiralgalaxie NGC 3627 haben wir einen "magnetischen Spiralarm"
entdeckt, der quer zu einem massiven Spiralarm aus Sternen, Gas und
Staub
verläuft (Abb. 2), vermutlich das Resultat einer Wechselwirkung
mit
einer anderen Galaxie. Magnetfelder werden nicht einfach vom Gas
mitgeschleppt,
sondern besitzen eine eigene Dynamik.
Magnetfelder können also für die Suche nach
gravitativen Störungen
eingesetzt werden. Der Galaxienhaufen im Sternbild Jungfrau (Virgo) ist
ein Ort intensiver Wechselwirkungen. Ein Beispiel ist die Spiralgalaxie
NGC 4569, die sich durch das dichte Gas zwischen den Galaxien bewegt.
Dadurch
wird Gas und Magnetfeld aus der Galaxie herausgerissen, beobachtbar als
Region hoher Radio-Polarisation in bis zu 100 000 Lichtjahren Abstand
von
der optischen Scheibe (Abb. 3).
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Abbildung 3:
Polarisierte Radiostrahlung
(Konturlinien und Striche) aus der Galaxie NGC 4569, gemessen mit dem
Radioteleskop
Effelsberg bei 6.2-cm-Wellenlänge. Das optische Bild im
Hintergrund
stammt aus dem Digitized Sky Survey des Space Telescope Science
Institute. |
Radiomessungen geben wichtige Hinweise darauf, wie der
Dynamo zur Verstärkung
von Magnetfeldern funktioniert. Die Energie stammt aus turbulenten
Gasbewegungen,
die wiederum von Sternwinden und Supernova-Explosionen in den aktiven
Sternbildungsregionen
der Spiralarme angetrieben werden, und aus der allgemeinen Rotation
einer
Galaxie.
Unsere Kartierungen kleiner irregulärer Galaxien
zeigen unpolarisierte
Synchrotronstrahlung, also turbulente Magnetfelder, in solchen
Objekten,
in denen die Sternbildungsrate pro Volumen einen bestimmten Grenzwert
übersteigt,
so dass der Dynamo arbeiten kann. Geordnete Magnetfelder (polarisierte
Radiostrahlung) fehlen jedoch in den meisten Fällen, denn
irreguläre
Galaxien rotieren nicht schnell genug. Bleibt die Sternbildungsrate
unter
dem Grenzwert, so kann keine Synchrotronstrahlung (d.h. keine
Magnetfelder)
nachgewiesen werden.
Unsere Messungen von Galaxien mit plötzlichem
Sternbildungs-Ausbruch
(Starburst) zeigen, dass der Dynamo eine gewisse Zeit
benötigt,
um Magnetfelder aufzubauen. In einigen Fällen konnten wir trotz
hoher
Sternbildungs-Aktivität keinerlei Radiostrahlung nachweisen, da
die
Ausbruchsphase offensichtlich noch zu jung ist.
In unserer Milchstraße lässt sich die
Struktur des
Magnetfeldes auf der Skala von Lichtjahren mit Hilfe der
Synchrotronstrahlung
sehr gut messen (s. MPG Jahrbuch 2001, S. 672), aber dafür ist die
großräumige Struktur schwierig zu erfassen. Eine
erfolgreiche
Methode nutzt die Radiostrahlung der Pulsare.
Pulsare sind rotierende Neutronensterne, die in der
Milchstraße
entlang der galaktischen Ebene verteilt sind. Durch das extrem starke
Magnetfeld
des Pulsars von bis zu 10 Billionen Gauss (GigaTesla) ist die
Radiostrahlung
sehr hoch polarisiert. Die Polarisationsebene erleidet auf dem Weg
durch
das interstellare Medium, entlang des Magnetfeldes unserer
Milchstraße,
eine Faraday'sche Drehung. Der Rotationswinkel ist ein Maß
für
die Stärke des lokalen Magnetfeldes, die Drehrichtung zeigt die
Richtung
des Magnetfeldes.
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Abbildung 4: Magnetfeldstruktur in der
Sonnenumgebung aufgrund
von Rotationsmaßen von Pulsaren. Das Bild zeigt einen Blick "von
oben" auf die Ebene des Milchstraßensystems bis zu einem Abstand
von 10 Kiloparsec (rund 33 000 Lichtjahre) von der Sonne. Die Sonne
befindet
sich in der Mitte des Bildes, etwa 28 000 Lichtjahre vom Zentrum des
Milchstraßensystems
(im unteren Teil des Bildes) entfernt. Die ungefähre Lage der
Spiralarme
(Konturen) wurde durch Messungen der 21-cm-Linie des neutralen
Wasserstoffs
ermittelt.
Die Länge der Pfeile ist ein Maß für die Stärke
der auf uns zu (grün) oder von uns weg (rot) gerichteten
Magnetfeldkomponenten.
Die dicken schwarzen Pfeile geben die daraus bestimmte Richtung des
lokalen
Magnetfeldes an. Die blauen Punkte markieren die Lage der Pulsare,
deren
Rotationsmaß noch nicht gemessen wurde. |
Von rund 200 der uns bekannten etwa 1500 Pulsare ist
bisher das Rotationsmaß
bekannt. Das Radioteleskop Effelsberg ist ein ideales Instrument, um
diesen
Parameter zu messen. Die Pulsargruppe des MPIfR hat in den beiden
letzten
Jahren neue Daten für 25 Pulsare gesammelt. Damit konnte die
Ausrichtung
des großräumigen Magnetfeldes in der Sonnenumgebung
festgestellt
werden (Abb. 4). Das Magnetfeld wechselt seine Richtung zwischen
den beiden der Sonne benachbarten Spiralarmen. Es wurden aber keine
weiteren
Umkehrungen der Magnetfeldrichtung, wie sie früher vermutet
wurden,
festgestellt.
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Abbildung 5:
Pulsar-Rotationsmaße
in einem kleinen Ausschnitt der Milchstraße im Sternbild Giraffe.
Kreuze kennzeichnen ein auf uns zu gerichtetes, Kreise ein von uns weg
gerichtetes Magnetfeld. Das unterliegende Bild zeigt heisses Gas in der
in rund 3000 Lichtjahren Entfernung liegenden Gaswolke (HII-Region)
S205,
die vermutliche Ursache für die Magnetfeldverbiegung (s. Abb. 6). |
In der Sonnennähe liegende heisse Gaswolken (Abb.
5), Produkte
starker Sternbildung, sind für drastische Richtungsänderungen
des Magnetfeldes verantwortlich (Abb. 6). Wir vermuten, dass
eine
rotierende Gaswolke, in der das Magnetfeld verankert ist, das
Magnetfeld
"mitzieht".
Auch polarisierte extragalaktische Quellen (Quasare)
können zur
Untersuchung des Magnetfeldes herangezogen werden. In Kanada wird zur
Zeit
der "International Galactic Plane Survey", eine Radiodurchmusterung der
Milchstraße bei 21-cm-Wellenlänge unter Einbeziehung des
Effelsberg-Surveys,
durchgeführt. In Zusammenarbeit mit diesen Wissenschaftlern in
Kanada
haben wir die Rotationsmaße von über 1000 extragalaktischen
Quellen ermittelt und mit den Resultaten für Pulsare verglichen.
Da
die extragalaktischen Quellen weit ausserhalb der Milchstrasse liegen,
kann so auch das Magnetfeld in den äusseren Bereichen der
Milchstraße
untersucht werden.
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Abbildung 6:
Modell der Verbiegung
des lokalen Magnetfeldes durch die Gaswolke S205 (s. Abb. 5). |
Magnetfelder haben eine wichtige Rolle im Spiel der
kosmischen Kräfte.
Die genaue Struktur der Magnetfelder ist allerdings noch unbekannt.
Polarisationsmessungen
im Radiobereich werden bei der Lösung der offenen Probleme
weiterhin
die zentrale Rolle spielen. Die am Effelsberger Teleskop gewonnenen
Erfahrungen
fliessen zur Zeit in die Planungen der großen internationalen
Radioteleskope
des nächsten Jahrzehntes ein, wie dem "Square Kilometer Array".
Max-Planck-Gesellschaft Jahrbuch 2003. Copyright
© 2003 Max-Planck-Institut
f. Radioastronomie.
MPIfR-Home
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