H. Beuther, P. Schilke, K.M. Menten, F.
Bertoldi, J.
Schmid-Burgk
Sterne sind stark selbstgravitierende Gasklumpen, in
deren Innerem Dichten
und Temperaturen herrschen, die Energieerzeugung durch Kernfusion
ermöglichen.
Die Mindestmasse eines solchen kosmischen Fusionsreaktors ist
ungefähr
0.08 Sonnenmassen, ein Wert, der aus den für die einfachsten
Fusionsreaktionen
notwendigen Temperaturen folgt. Die maximal mögliche Masse eines
Sterns
ist unklar - bekannt sind Sterne mit bis zu 100 Sonnenmassen.
Je massereicher ein Stern ist, desto schneller verbrennt
er seine nuklearen
Energiereserven: ein "Durchschnittsstern" wie unsere Sonne lebt ca. 10
Milliarden Jahre, ein Stern mit der hundertfachen Sonnenmasse aber
strahlt
nur einige Millionen Jahre, bis seine Energiereserven erschöpft
sind.
Trotz ihrer Seltenheit sind massereiche Sterne für die Dynamik,
Physik
und Chemie des interstellaren Mediums von großer Bedeutung. Sie
beeinflussen
ihre Umwelt durch drei wichtige Effekte: Winde und Jets während
der
ungefähr 100.000 Jahre Entstehungszeit, harte ionisierende
Strahlung
während der 4 bis 40 Millionen Jahre Lebensdauer, und eine
gewaltige
(Supernova) Explosion als spektakuläres Ende. Da nur in
massereichen
Sternen schwere Elemente erzeugt und durch starke Winde sowie die
abschließende
Explosion freigegeben werden, sind hauptsächlich sie für die
Anreicherung des interstellaren Gases mit diesen schweren Elementen
verantwortlich.
Daraus können dann weitere Sterne entstehen nebst
dazugehörigen
Planeten.
Entstehung massearmer Sterne: Die Bildung
massereicher Sterne
ist auch heute noch recht unklar. Für die Entstehung massearmer
Sterne
haben sich hingegen in den letzten Jahrzehnten Vorstellungen
entwickelt,
die sowohl mit den mittlerweile sehr detaillierten Beobachtungen
konsistent
als auch physikalisch-theoretisch schlüssig sind. Entsprechend
ersten
Konzepten von Kant und Laplace, nach denen Sterne durch gravitativen
Kollaps
rotierender Gasnebel entstehen, bilden sich massearme Sterne
während
einiger 100.000 Jahre aus sich verdichtenden Molekülwolkenkernen (Abbildung
1a). Dabei entsteht im Zentrum ein von einer Scheibe aus dichtem
Gas
und Staub umgebener Proto-Stern; auf die Scheibe fällt von der
umgebenden
Molekülwolke weiterhin Material (Abbildung 1b). Eine solche
Scheibe muss sich bilden, weil die Ausgangswolke Drehimpuls besitzt und
daher nicht einfach zu einem Punkt zusammenfallen kann. Der Stern
wächst
durch Akkretion von Gas aus der umgebenden Scheibe, wobei der
Drehimpuls
durch bipolare Ausflüsse sehr hoher Geschwindigkeiten (bis mehrere
100 km s-1) abgegeben wird. Solche oft spektakulären
Jets
und das durch sie komprimierte und beschleunigte molekulare Gas der
Umgebung
lassen sich als ausgedehnte Objekte beobachten (Abbildung 1c).
Unklar
bleiben bis heute die Prozesse, die überhaupt zur Entstehung der
dichten
Molekülwolkenkerne führen.
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Abbildung 1: Das
Standardmodell massearmer Sternentstehung:
(a) Molekülwolke mit dichten Wolkenkernen; (b)
Vergrößerung
eines Molekülwolkenkerns mit Bildung eines zentralen Objektes und
einer umgebenden Scheibe; (c) Aktive Akkretionsphase mit zentralem
(Proto-)Stern,
Akkretionsscheibe und bipolarer Ausfluss. |
Aus mindestens zwei Gründen ist die Entstehung
massereicher Sterne
schwieriger zu verstehen:
Massereiche Sterne sind selten und kurzlebig:
Im Gegensatz
zu massearmen Sternen gibt es keine massereichen Regionen in der
Nähe
unseres Sonnensystems. Wegen ihrer großen Entfernung sind sie
auch
mit den größten Teleskopen nur schwer zu beobachten. Zudem
entstehen
massereiche Sterne schneller als masseärmere: während sich
die
Jugend eines sonnenähnlichen Sterns über einige Millionen
Jahre
hinzieht und so in unserer Nachbarschaft jugendliche Exemplare in den
unterschiedlichsten
Phasen ihrer Bildung zu beobachten sind, werden massereiche Sterne fast
zehnmal schneller "erwachsen". Deshalb war es bisher schwierig,
ausreichend
viele massereiche junge Sterne zu finden, um deren spezifische
Bildungsprozesse
zu beobachten und mit denen der masseärmeren zu vergleichen.
Strahlungsdruck: Das zweite Problem ist eher
theoretischer Natur.
Die Zeit, nach der ein wachsender Proto-Stern beginnt durch
Kernfusionen
Energie zu erzeugen, ist um so kürzer je massereicher der Stern
ist.
Sterne über 8 Sonnenmassen strahlen schon während der Bildung
in ihrer Ursprungswolke so große Energiemengen ab, dass der
Strahlungsdruck
auf das umgebende Material aus Gas und Staub den Kollaps abbremsen
muss.
Wären die Akkretionsraten für Sterne aller Massen gleich,
dann
würde dieser Strahlungsdruck die Entstehung massereicher Sterne
völlig
verhindern.
In den letzten Jahren sind verschiedene Vorschläge
zur Vermeidung
dieser Situation gemacht worden. Man könnte das Entstehungsschema
massearmer Sterne im wesentlichen beibehalten, wenn die Akkretionsraten
stark mit der Masse des sich bildenden Sterns zunähmen; dann
würde
der Strahlungsdruck das Wachstum des Sterns nicht bremsen. Ein
alternativer
Ansatz folgt aus der Beobachtung, dass massereiche Sterne immer in
kompakten
Haufen hunderter oder tausender Sterne niedrigerer Masse entstehen.
Möglicherweise
sind in solchen Sternhaufen die stellaren Dichten anfänglich so
groß,
dass Sterne mittlerer und kleiner Masse häufig kollidieren,
verschmelzen
und dabei massereichere Sterne bilden. In einem solchen Szenario
könnten
sich allerdings keine stabilen Scheiben um die anwachsenden Sterne
halten.
Bipolare molekulare Ausflüsse: Am
Institut wurde
in den letzten Jahren versucht, durch gezielte Beobachtungen zwischen
diesen
beiden Szenarien zu entscheiden. Da die räumlichen Skalen, auf
denen
die eigentliche Akkretion stattfindet (einige astronomische Einheiten),
bei den für massereiche Sternentstehungsregionen üblichen
Distanzen
(einige Kiloparsec) mit heutigen Instrumenten kaum aufzulösen
sind,
mussten indirekte Unterscheidungsindikatoren gesucht werden.
Eine Möglichkeit bietet die genaue Untersuchung
bipolarer Ausflüsse,
da diese noch auf großen Skalen Aufschlüsse über die im
Akkretionsbereich wirksamen Mechanismen erlauben. Für nahe Gebiete
massearmer Sterne sind solche Untersuchungen weit fortgeschritten. Wenn
auch die genauen Prozesse der Beschleunigung bipolarer Ausflüsse
noch
immer unklar sind, scheint es doch wahrscheinlich, dass diese sehr
kollimierten
Ausflüsse nur durch die Wechselwirkung eines Sterns mit seiner
Akkretionsscheibe
entstehen können. Daher geben Beobachtungen von kollimierten
Ausflüssen
aus massereichen (d.h. sehr hellen) noch tief in ihre "Urwolke"
eingebetteten
Sternen Hinweise auf die Existenz von Akkretionsscheiben, und damit auf
einen für alle Sterne einheitlichen Entstehungsmechanismus.
Frühe Beobachtungen geringer räumlicher
Auflösung von
molekularen Ausflüssen aus massereichen Sternentstehungsregionen
schienen
anzudeuten, dass diese Ausflüsse schwächer kollimiert sind
als
die aus Gebieten massearmer Sternentstehung, dass sie gar an
Explosionen
erinnern. Dies wurde als starkes Indiz dafür gewertet, dass ihre
physikalischen
Mechanismen andere sein müssten als in massearmen
Sternentstehungsregionen.
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Abbildung 2: Bipolare
Ausflüsse in der massereichen
Sternentstehungsregion IRAS 19410+2336. Die orange Farbe zeigt
Kontinuumsemission
bei 1,2 mm, die von Staubkörnern emittiert wird und somit die
Massenverteilung
anzeigt. Die blauen und roten Konturen zeigen die in (2-1)-Linien von
CO
erkennbaren molekularen Ausflüsse. Die Beobachtungen wurden mit
dem
IRAM 30m-Teleskop durchgeführt. Die Pfeile deuten die beiden
großräumigen
molekularen Ausflüsse an. |
Mit dem IRAM 30m-Teleskop wurden deshalb 26 molekulare
Ausflüsse
in massereichen Sternentstehungsregionen mit hoher räumlicher
Auflösung
im Rotationsübergang J=2-1 des Kohlenmonoxid-Moleküls (CO)
beobachtet
(Abbildung 2). Dabei zeigte sich im Gegensatz zu früheren
Untersuchungen,
dass der Kollimationsgrad von massearmen und massereichen
Ausflüssen
sehr ähnlich ist. Auch die kinetischen Energien und
Akkretionsraten
der Ausflüsse hängen kontinuierlich mit der Masse der
umgebenden
Molekülwolke und mit dem Energieausstoß des Sterns zusammen
(Abbildung 3). Der hohe Grad der Kollimation massereicher
Ausflüsse
und die Kontinuität der Skalierungen sind starke Indikatoren
dafür,
dass die den Ausflüssen zugrundeliegenden
Beschleunigungsmechanismen
für Sterne aller Massen ähnlich sind.
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| Abbildung 3: Die mechanischen Kräfte
der molekularen Ausflüsse
in Abhängigkeit von der Wolkenmasse, M, (links) und der
Gesamtleuchtkraft,
L, der Region (rechts). Die blauen Fünfecke sowie die grünen
Sterne zeigen Daten aus der Literatur, die roten Punkte sind eigene
Daten. |
Interferometrische Beobachtungen: Schon
mit der Auflösung
des IRAM 30m-Teleskops konnten einige der komplexen Mehrfachstrukturen
von Ausflüssen massereicher Sternentstehungsgebiete in
Einzelkomponenten
zerlegt werden. Beobachtungen mit weit höherer Auflösung sind
mit Radiointerferometern wie dem Plateau de Bure-Interferometer von
IRAM
möglich. Als Beispiel soll hier die Region IRAS 05358+3543 in den
Rotationsübergängen CO (1-0), SiO (2-1) und H13CO+(1-0)
gezeigt werden.
Bei einer räumlichen Auflösung von 3
Bogensekunden lassen
sich mindestens drei bipolare Ausflüsse separieren (Abbildung 4),
die sich qualitativ nicht von Ausflüssen um Sterne niedriger Masse
unterscheiden. Besonders besticht der östliche Ausfluss (links im
Bild), der bislang am schärfsten kollimierte massive Ausfluss, der
beobachtet wurde.
Diese hochauflösenden Untersuchungen molekularer
Ausflüsse
liefern indirekte Indizien dafür, dass auch massereiche Sterne
qualitativ
ähnlich zu massearmen Sternen durch Akkretion entstehen, nur mit
entsprechend
größeren Akkretionsraten und Ausflussmassen.
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| Abbildung 4: Die massereiche
Sternentstehungsregion IRAS 05358+3543.
Links: Grautöne zeigen die geschockte H2 Emission, die
schwarzen Konturen CO (1–0)-Beobachtungen, die roten und blauen
Konturen
die jeweilige Hochgeschwindigkeitsemission von SiO (2–1). Die
grünen
Pfeile verdeutlichen die verschiedenen molekularen Ausflüsse.
Rechts:
In Grau sieht man das 3 mm Kontinuum der drei massereichsten
Wolkenkerne,
während blaue und rote Konturen die CO-Linienflügelemission
bei
hohen Geschwindigkeiten darstellen. |
Blick in die Zukunft: Auch wenn der
Kenntnisstand über
massereiche Ausflüsse in den letzten Jahren stark zugenommen hat,
bleiben viele Details ungeklärt. Gerade mit hoher räumlicher
Auflösung fehlt bislang eine statistische Basis, um die ersten
Ergebnisse
besser zu quantifizieren. Darum werden nun weitere
Sternentstehungsregionen
mit dem Plateau de Bure-Interferometer beobachtet, und diese
Untersuchungen
sollen in den folgenden Jahren auch auf den
Submillimeter-Wellenlängenbereich
mit dem Sub-Millimeter-Array (SMA) auf Hawaii
ausgedehnt
werden. Dieser Wellenlängenbereich ist von besonderem Interesse,
da
sich dort die molekularen Ausflüsse leichter vom Umgebungsmaterial
unterscheiden lassen, da die bei Submillimeter-Wellenlängen
liegenden,
höher angeregten CO-Linien empfindlicher für warmes Gas sind,
das wahrscheinlich stärker im inneren Teil der Ausflüsse zu
finden
ist. Ab ca. 2007 wird das in der chilenischen Atacama-Wüste
geplante Atacama Large Millimeter Array
(ALMA) für die Untersuchung der Sternentstehungsmechanismen von
großer
Bedeutung sein. Die extrem hohe räumliche Auflösung und die
um
Größenordnungen bessere Empfindlichkeit von ALMA versprechen
erstmalig detaillierte direkte Einblicke in die Akkretionsregionen
entstehender
Sterne.
Bisherige Untersuchungen massereicher
Sternenentstehungsregionen waren
durch Selektionseffekte auf bestimmte Stadien der Sternentwicklung
beschränkt,
was kaum Aussagen über die Entwicklungschronologie erlaubte. Um
verschiedene
Evolutionsstadien ohne Auswahleffekte beobachten zu können, sind
großräumige
Kartierungen von Sternentstehungsgebieten nötig. Das sich im Bau
befindliche Atacama Pathfinder Experiment-Teleskop
(APEX) des Instituts wird mit seiner großformatigen
Bolometerkamera
erstmalig solche großflächigen, unvoreingenommenen Suchen
nach
massereichen Proto-Sternen erlauben.
Max-Planck-Gesellschaft Jahrbuch 2002. Copyright
© 2002 Max-Planck-Institut
f. Radioastronomie.
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