Dr. Rainer Beck,
MPIfR Bonn
Eine Karte der kontinuierlichen Radiostrahlung im Bereich
der Zentimeter- und Dezimeterwellen zeigt uns die Verteilung der
Magnetfelder,
die von den Elektronen der Kosmischen Strahlung "beleuchtet"
werden. Diese laufen auf Spiralbahnen um die Magnetfeldlinien und
senden
dabei Radiowellen aus. Die Intensität der Radiostrahlung ist ein
Mass
für die Stärke des gesamten Magnetfeldes. Ist ein Teil der
Magnetfeldlinien
gleich ausgerichtet, so ist die Radiostrahlung linear polarisiert. Die
Polarisationsrichtung ist dabei zunächst senkrecht zur
Magnetfeldrichtung,
kann aber in Plasmawolken, die sich auf der Sichtlinie zwischen dem
Teleskop
und der Radioquelle befinden, gedreht werden (
Faraday-Drehung).
Diese Drehung ist bei Wellenlängen unterhalb von etwa 3
Zentimetern
gering, nimmt aber bei größeren Wellenlängen stark zu.
Generell bieten Radiowellen die beste Möglichkeit zum Nachweis von
Magnetfeldern im Weltall.
Magnetfelder spielen bei
fast allen Vorgängen im
Weltall eine wichtige Rolle. Fast die gesamte im Weltall sichtbare
Materie
ist elektrisch geladen, so dass ihre Bewegung einerseits Magnetfelder
erzeugt
und sie andererseits durch solche Felder beeinflusst wird. Daher haben
Magnetfelder grosse Bedeutung für viele Vorgänge im Kosmos.
So
wirken sie wesentlich an der Bildung von Sternen und Planeten mit und
verursachen
zum Beispiel auch die Sonnenaktivität. Pulsare, die bei
Explosionen
massereicher Sterne (Supernovae) zurückbleiben und in kurzen,
regelmäßigen
Abständen Radiopulse aussenden, sind magnetische
Leuchttürme.
Die Magnetfelder
erfüllen die gesamten Sternsysteme
und finden sich selbst in weit entfernten Galaxien, die wir - wegen der
Jahrmilliarden, die ihre elektromagnetische Strahlung für den Weg
zur Erde braucht - in einem frühen Stadium ihrer Entwicklung
beobachten.
Ähnlich wie die sichtbare Materie bilden Magnetfelder
spiralförmige
Muster über mehrere zehntausend Lichtjahre hinweg. Dennoch
versteht
man bisher nur ungenügend, wie sich in Galaxien grossräumige
Magnetfelder bilden. Eine naheliegende Idee ist, dass solche Felder
bereits
im jungen Universum existierten; beim Zusammenballen einer Gaswolke
wurden
sie dann verdichtet und durch die Rotation der entstehenden Galaxie zu
spiralförmigen Strukturen verzerrt. Freilich überstehen
solche
Magnetfelder nur wenige galaktische Rotationen (die jeweils einige
hundert
Millionen Jahre dauern), denn sie werden aufgewickelt und durch
"magnetischen
Kurzschluss" (reconnection) zerstört.
Wissenschaftler am
Astrophysikalischen Institut in Potsdam
und an der Staatsuniversität Moskau entwarfen bereits in den 70er
Jahren Modelle zur Entstehung der Magnetfelder nach dem Dynamo-Prinzip,
das auf den Elektrotechniker Werner von Siemens zurückgeht. Danach
stammt die Energie zum Aufbau der Felder aus der allgemeinen
Rotationsbewegung
einer Galaxie, und die beobachteten Spiralmuster ergeben sich aus einem
Zusammenwirken turbulenter Bewegungen von Gaswolken mit der Rotation.
Als
sich selbst organisierendes System schafft eine Galaxie gleichsam
Ordnung
aus dem Chaos. So erschienen in Computersimulationen, die auf dem
Dynamomodell
beruhten, überall in der Scheibe grossräumig geordnete
Magnetfelder
ähnlich den bislang vorliegenden Beobachtungen. Unklar blieb
jedoch,
wie sich die optisch sichtbaren Spiralarme aus Gas, Staub und Sternen
auf
die Felder auswirken. Spiralarme werden vermutlich durch Dichtewellen
erzeugt,
die sich wie Schallwellen im interstellaren Gas ausbreiten.
Das empfindlichste
Instrument zum Nachweis polarisierter
Radiostrahlung ist der 100-Meter-Radiospiegel bei Bad
Münstereifel-Effelsberg.
Seitdem dieses grösste voll bewegliche Teleskop der Welt vor mehr
als 25 Jahren errichtet wurde, konnten die Wissenschaftler des Bonner
Max-Planck-Instituts
für Radioastronomie (MPIfR) damit in fast allen Galaxien
Magnetfelder
nachweisen. Obwohl deren Stärke nur rund ein hunderttausendstel
Gauss
beträgt (zum Vergleich: das irdische Magnetfeld hat eine mittlere
Stärke von einem halben Gauss), ist die gespeicherte Energie
vergleichbar
mit derjenigen, die in der turbulenten kinetischen Bewegung des
interstellaren
Gases und in der von den Galaxien erzeugten Gesamtstrahlung steckt.
Trotz seiner enormen
Grösse erreicht der Effelsberger
Radiospiegel noch nicht einmal die Winkelauflösung des blossen
menschlichen
Auges (wenn auch mit unvorstellbar höherer Empfindlichkeit).
Einzelne
Spiralarme lassen sich damit nur in benachbarten Galaxien
auseinanderhalten.
Schärfere Bilder erfordern Beobachtungen bei kürzeren
Wellenlängen,
bei denen jedoch die Radiostrahlung immer schwächer wird und die
Bewölkung
immer mehr stört. Die Radioastronomen haben hier Abhilfe schaffen
können: Zwei oder mehr Hornantennen in der Brennebene des
Teleskops
erlauben es, falls nötig, Störungen durch vorbeiziehende
Wolken
durch Differenzbildung zu beseitigen: Eine Wolke wird von beiden
Hornantennen
praktisch gleichzeitig "gesehen", die Radioquelle aber nur von
einer Hornantenne. Seit Anfang 1996 steht ein neuer
Doppelhorn-Empfänger
für die Wellenlänge 6cm im 100-m-Teleskop zur Verfügung,
dank modernster HEMT-Transistoren der empfindlichste Empfänger
für
kontinuierliche Radiostrahlung, der je am MPIfR Bonn gebaut wurde.
Die Andromeda-Galaxie (M31)
ist die nächste Spiralgalaxie
und die erste überhaupt, deren Radiostrahlung nachgewiesen wurde.
Ihre Radiowellen stammen vor allem aus einem "Ring" in rund 30
000 Lichtjahren Abstand vom Zentrum. Dort befinden sich die Spiralarme
mit Sternentstehungsgebieten und Überresten von
Supernova-Explosionen,
die Quellen der Kosmischen Strahlung. Das Magnetfeld im Ring wird durch
einen gigantischen Dynamo aufgebaut, gespeist aus der Energie der
Rotation
der Galaxie.
Im August 1996 konnten wir
in nur 25 Stunden Beobachtungszeit
die bisher empfindlichste Radiokarte der Andromeda-Galaxie
fertigstellen.
Dabei wurde ein Gebiet von 2.5 x 1.2 Grad am Himmel zwölfmal in
jeweils
rund 2 Stunden streifenweise abgetastet und im Computer zu einem Bild
zusammengesetzt.
Die Winkelauflösung von 3 Bogenminuten entspricht etwa 2000
Lichtjahren
in M31. Alle nicht mit M31 assoziierten Radioquellen wurden abgezogen.
Abb.1 zeigt
das innere
Gebiet von 130' x 57'
Ausdehnung. Die Farben geben unterschiedliche Intensitäten wieder:
Blau für geringe, Rot
für die stärkste Radiostrahlung. Die schwächste noch
nachgewiesene
Strahlung entspricht einer Leistung von nur einem Millionstel Nanowatt
(10 hoch -15 Watt)! Im "Ring" von M31 gibt es viele helle Gebiete,
zum grössten Teil Magnetfeld-Konzentrationen, die auf Gebiete
aktiver
Sternentstehung hinweisen. Auch das Kerngebiet von M31 ist eine Quelle
starker Radiostrahlung, vermutlich angeregt durch
Explosionsvorgänge
in der Nähe des Zentrums.
Der Vergleich der neuen
6cm-Karte mit einer 11cm-Effelsberg-Karte
aus dem Jahr 1976 erlaubte erstmals die Korrektur der Faraday- Drehung
der Polarisationsrichtungen und somit die Bestimmung der
Magnetfeldrichtungen
in M31, in
Abb.1
dargestellt als
Striche. Die
Galaxie besitzt ein grossräumig geordnetes Magnetfeld, das
für
Polarisationsgrade von stellenweise bis zu 50% verantwortlich ist. Die
stärksten ausgerichteten Magnetfelder liegen im "Ring".
Nach der Dynamo-Theorie sollten die Richtungen der Magnetfeldlinien um
einen konstanten Betrag vom "Ring" abweichen. Abb.1 zeigt jedoch,
dass dieser Anstellwinkel entlang des Ringes variiert. Neuere
Dynamo-Modelle,
die die Rückwirkung der Magnetfelder auf das Gas mit einbeziehen,
zeigen, dass galaktische Dynamos ein ganzes Spektrum von stehenden
Magnetwellen
("Moden") anregen. Einzelne Moden können sich teilweise
in Resonanz mit galaktischen Dichtewellen befinden und werden so
verstärkt.
Eine andere wichtige
Entdeckung passt in dieses Bild:
In einer Spiralgalaxie wurde ein magnetisches Spiralmuster entdeckt,
das
regelmässiger ist als das optische und dessen Arme zwischen denen
im sichtbaren Spektralbereich liegen. Entscheidend für diese
Entdeckung
war eine wesentliche Verbesserung der Auflösung, indem wir
hochempfindliche
Beobachtungen des Radioteleskops Effelsberg mit neuen,
hochauflösenden
Daten des Radio-Interferometers "Very Large Array" (VLA) in
Neu-Mexiko/USA
bei der gleichen Wellenlänge kombinierten. Das VLA besteht aus 27
Einzelspiegeln von je 20 Metern Durchmesser auf drei Y-förmig
angeordneten
Schienen, auf denen man die Schüsseln jeweils bis zu 21 Kilometer
weit auseinanderfahren kann. Damit erhält man eine Art
Zoom-Teleskop
für den Radiobereich.
Ideales Objekt für
unsere Beobachtungen war die Galaxie
NGC6946 im nördlichsten Winkel des Sternbildes Schwan in rund 30
Millionen
Lichtjahren Entfernung, denn sie ist im Radiobereich eine der
ausgedehntesten
und hellsten Spiralgalaxien am Himmel. Im optischen Spektralbereich
kann
man sie dagegen selbst in grossen Fernrohren kaum ausmachen, weil sie
sich
hinter einem Vorhang aus Sternen und Staub in unserer eigenen
Milchstrasse
befindet, der sichtbares Licht im Unterschied zu Radiowellen
zurückhält.
Wir erreichten eine
Winkelauflösung von 12 Bogensekunden,
was rund 1000 Lichtjahren in NGC6946 entspricht. Die Daten beider
Teleskope
lieferten das schärfste und zugleich empfindlichste Bild, das je
vom
Magnetfeld einer Spiralgalaxie gelang (
Abb.2).
Die neuartigen magnetischen Spiralarme sind regelmässiger als die
zerfransten optischen Arme und erstrecken sich über einen Winkel
von
rund 10 Bogenminuten am Himmel, was einem Drittel des scheinbaren
Monddurchmessers
entspricht. Wir nehmen an, dass ähnliche Arme auch in vielen
anderen
Galaxien vorhanden sind, aber mit einem Teleskop allein bisher nicht
entdeckt
werden konnten.
Mit ihrer
grossräumigen Symmetrie und ihrer Richtung
liefern die magnetischen Arme einen entscheidenden Hinweis auf die
Funktionsweise
eines universal arbeitenden Dynamos. Da sie eine ähnliche Form
haben
wie die optischen Spiralarme, muss es einen Zusammenhang zwischen
beiden
geben, eben eine Resonanz zwischen der Dichtewelle des Gases und der
Dynamo-Welle
des Magnetfeldes. Wir vermuten, dass Magnetfelder die Bildung von
Spiralstrukturen
erleichtern oder sogar überhaupt erst ermöglichen.
In einem weiteren wichtigen
Punkt widerspricht unsere
Entdeckung dem klassischen Dynamo-Modell. Diesem zufolge wird das
Magnetfeld
durch Turbulenz verstärkt, die sich aus den Prozessen der
Sternentstehung
speist. Demnach sollten die geordneten Magnetfelder mit den optisch
sichtbaren
Spiralarmen zusammenfallen. Tatsächlich liegen sie jedoch fast
genau
dazwischen, also in Gebieten geringster Gas- und Sterndichte. Unsere
Kollegen
haben bereits damit begonnen, neue Dynamo-Modelle im Computer zu
rechnen,
um der Ursache dieses Widerspruchs auf die Spur zu kommen. Vielleicht
liefern
die magnetischen Arme somit den Schlüssel zum endgültigen
Verständnis
galaktischer Dynamos.
Mit dem
VLA-Radiointerferometer lassen sich auch ausgewählte
Gebiete in Galaxien mit hoher Auflösung beobachten. Daraus lernten
wir, dass es noch kleinere Strukturen im Magnetfeld gibt: Winde von
jungen
Sternen (OB-Assoziationen) und Supernova-Explosionen blasen Löcher
in das lokale Gas und Magnetfeld, während in kalten Gaswolken die
Feldstärke erhöht ist. Selbst der geringe Ionisationsgrad des
kalten interstellaren Gases reicht aus, um Magnetfeldlinien zu
verankern.
Magnetfelder in Gaswolken sind daher auch bei der Bildung neuer Sterne
von zentraler Bedeutung.
MPIfR
Homepage