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Infrarot-Interferometrie
T. Blöcker, T. Driebe, T. Hannemann, K.H.
Hofmann, J.
Lichtenthäler,
A. Menshchikov, T. Preibisch, R. Osterbart, D. Schertl, G. Weigelt, M.
Wittkowski
mit
M. Schöller, ESO/Garching
Die Infrarot-Interferometrie wird völlig neue
Möglichkeiten
für die astrophysikalische Forschung eröffnen. So wird in
wenigen
Jahren das Very Large Telescope Interferometer (VLTI) der
Europäischen
Südsternwarte hochaufgelöste Bilder liefern, die bis zu
100mal
schärfer sein werden als Aufnahmen des Hubble Space Telescope
(HST).
Das VLTI wird aus vier 8-m-Teleskopen und drei fahrbaren
1,8-m-Teleskopen
mit Abständen bis zu 200 m Länge bestehen. Bei der
Wellenlänge
1,65 µm wird eine Auflösung von 2 Millibogensekunden
erreichbar
sein.
Zu den Forschungszielen gehören unter anderem die
Oberflächenstrukturen
anderer Sterne, Planeten benachbarter Sterne, die protoplanetaren
Scheiben
und Ausströmungen junger Sterne, die massereichen Staubhüllen
in der Umgebung von Sternen in späten Entwicklungsphasen und die
Strukturen
in der Umgebung der supermassiven Schwarzen Löcher in aktiven
Galaxienkernen.
Die ersten VLTI-Messungen sind für das Jahr 2002
mit dem
MIDI-Instrument
(MID-infrared Interferometric instrument) bei der Wellenlänge 10
µm
und dem AMBER-Instrument (Astronomical MultiBEam Recombiner) bei der
Wellenlänge
2,2 µm geplant. Das AMBER-Instrument ist ein Kooperationsprojekt
von Instituten in Frankreich und Italien, der Europäischen
Südsternwarte
und unserem Institut.
In den letzten Jahren waren bereits unterschiedliche
Infrarot-Interferometrie-Messungen
mit sehr hoher Winkelauflösung — sogar höherer Auflösung
als die des Hubble Space Telescope — möglich. Es konnte zum
Beispiel
mit Bispektrum-Speckle-Interferometrie am russischen 6-m-Teleskop eine
Winkelauflösung von 57 Millibogensekunden bei der Wellenlänge
1,65 µm erreicht werden. Noch höhere Auflösung konnten
wir mit dem GI2T-Zwei-Teleskop-Interferometer in Frankreich und unserem
Infrarot-Strahlvereinigungsinstrument bei Messungen mit 24 m
Teleskop-Abstand
erzielen.
Solche interferometrischen Messungen sind häufig
von
entscheidender
Bedeutung für das physikalische Verständnis der Objekte. Die
Kombination von Theorie (Strahlungstransport,
Sternentwicklungsrechnungen
etc.) mit interferometrischen Messungen ermöglichte bei vielen
Objekten
erstmalig die Bestimmung ihrer physikalischen Eigenschaften.
Bispektrum-Speckle-Interferometrie. Der
Prozess der
Sternentstehung
ist für viele Bereiche der Astrophysik von großer Bedeutung.
Besonders interessante Aspekte sind dabei die Eigenschaften von
zirkumstellaren
Scheiben, in denen sich Planeten bilden können, der Ursprung der
gigantischen
Materieausströmungen bei vielen Protosternen und die
Multiplizität
der jungen Sterne. Bei vielen damit verbundenen Fragestellungen lassen
sich neue physikalische Einblicke nur durch Beobachtungen mit sehr
hoher
räumlicher Auflösung gewinnen. Mit unserer
Bispektrum-Speckle-Interferometrie
können wir z.B. bei vielen jungen Sternen kleinste Strukturen mit
einer Ausdehnung von nur 5-10 Astronomischen Einheiten auflösen.
Die meisten Sterne werden als Doppel- oder
Mehrfachsysteme geboren.
Einzelsterne scheinen eine Ausnahme zu sein. Durch welche
physikalischen
Effekte die Multiplizität der entstehenden Sterne bestimmt wird,
ist
jedoch noch weitgehend ungeklärt. Zur Untersuchung dieser
Fragestellung
für den Fall der massereichen Sterne wurden hochaufgelöste
Messungen
von 13 massereichen jungen Sternen in der Orion-Sternentstehungsregion
durchgeführt. Abbildung 1 zeigt eines der
hochaufgelösten
Bilder. Dabei wurde eine überraschend große Zahl von
Begleitern
gefunden. Nach Korrektur für unaufgelöste Systeme erhält
man als Ergebnis, dass jeder massereiche Stern in der
Orion-Sternentstehungsregion
im Mittel mindestens 1,5 Begleiter hat. Das ist ungefähr dreimal
mehr
als bei massearmen Sternen und unterstützt die Theorie, dass
massereiche
Sterne durch die Kollision und Koagulation von Protosternen im dichten
Zentrum junger Sternhaufen entstehen.

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Abbildung 1:
Bispektrum-Speckle-Interferometrie
der
protostellaren
Ausströmungsquelle S140 IRS1, des jungen Mehrfachsterns Q1 Ori
B und des Protosterns IRAS 04302+2247 sowie ein mit
Strahlungstransportrechnungen
simuliertes Bild eines Protosterns mit zirkumstellarer Scheibe.
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Die meisten entstehenden
Sterne durchlaufen in ihrer
frühesten
Entwicklung eine sehr turbulente Phase, in der sie große Mengen
Materie
mit Geschwindigkeiten von oft mehr als 100 Kilometern pro Sekunde
ausstoßen.
Wodurch diese Materieausströmungen angetrieben werden ist noch
weitgehend
unklar. Der massereiche Protostern S140 IRS1 hat solche
Ausströmungen
in zwei entgegengesetzten Richtungen (bipolare Ausströmung), wie
aus
Radiobeobachtungen bekannt ist. Unser hochaufgelöstes Infrarotbild
von S140 IRS1 (Abb. 1) zeigt erstmals sehr komplexe Strukturen
in
der Umgebung dieses Protosterns. Besonders interessant ist der
längliche
Nebel, der sich von der zentralen Quelle nach links unten erstreckt, da
die Richtung dieses Nebels genau mit der aus den Radiobeobachtungen
bekannten
Richtung des Materieausstroms übereinstimmt. Vermutlich hat die
ausströmende
Materie ein Loch in die dichte Gas- und Staubhülle in der Umgebung
des Protosterns gerissen, welches nun den Blick auf den zentralen
Protostern
freigibt. Die anderen komplexen Strukturen im Bild zeigen
wahrscheinlich
die Stellen, an denen die starken Materieausströmungen mit den
Resten
der Molekülwolke, aus der sich der Protostern gebildet hat,
kollidieren.
Auch von IRAS 04302+2247 (Abb. 1), einem
Protostern mit einer
zirkumstellaren Scheibe, wurden hochaufgelöste Infrarotbilder
rekonstruiert.
Bei diesem Objekt blicken wir auf die Kante der Scheibe. Der zentrale
Protostern
wird deswegen von der Scheibe, die man als dunklen Streifen in der
Mitte
des Bildes sieht, verdeckt. Die hellen Strukturen rechts und links von
der Scheibe sind Licht vom zentralen Protostern, das senkrecht zur
Scheibenebene
entkommen ist und in der diffusen Staubhülle um das Objekt in
unsere
Richtung gestreut wird. Zur detaillierten Interpretation unserer
hochaufgelösten
Beobachtungen führen wir theoretische Modellierungen durch, um
damit
Informationen über die Struktur und die physikalischen
Eigenschaften
der zirkumstellaren Materie zu erhalten. Zur Illustration ist unter dem
Bild von IRAS 04302+2247 ein mit unserem 2D-Strahlungstransportprogramm
simuliertes Infrarotbild eines jungen Sterns mit umgebender Scheibe
gezeigt.
Bispektrum-Speckle-Interferometrie mit dem 6-m-Teleskop
liefert eine
Auflösung von 30 Millibogensekunden bei der Wellenlänge 700
nm.
Diese hohe Auflösung ermöglicht es sogar, die
Oberflächen
anderer Sterne aufzulösen. Abbildung 2 zeigt Messungen des
250 Lichtjahre entfernten Mira-Sterns R Cas bei den Wellenlängen
671,
700 und 714 nm. Das 671 nm-Bild (starke TiO-Absorptionsbande) hat zum
Beispiel
eine längliche Form mit einem Winkeldurchmesser von 51 x 36
Millibogensekunden.
Das längliche Erscheinungsbild geht wahrscheinlich auf die extreme
Ausdehnung der oberflächennahen Konvektionszellen Roter Riesen
(Supergranulation)
und die damit verbundenen großskaligen
Dichte-Temperatur-Fluktuationen
zurück. Weiterhin hängt der Sterndurchmesser stark von der
Wellenlänge
ab und ist in den TiO-Absorptionsbanden bis zu einem Faktor 1,5
größer
als der Kontinuumsdurchmesser von 30 Millibogensekunden. Der Vergleich
derartig hoch aufgelöster Beobachtungen mit theoretischen
Photosphären-Modellen
erlaubt wichtige Rückschlüsse auf die Struktur von
Mira-Sternen,
wie etwa auf Schwingungszustände der Pulsation oder
photosphärische
Absorptionseigenschaften.
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| Abbildung 2:
Bispektrum-Speckle-Interferometrie
des
Mira-Sterns
R Cas bei Wellenlängen von 671, 700 und 714 nm
(Falschfarbendarstellung).
Die Größe der Sternscheibe beträgt bei diesen
Wellenlängen
51 x 36, 40 x 35 bzw. 56 x 42 Millibogensekunden. |
Die Rote-Riesen-Phase ist von zentraler Bedeutung
für die
Sternentwicklung.
Über 90% aller Sterne werden nach dem Ende des zentralen
Wasserstoffbrennens
zu Roten Riesen und verlieren in dieser Phase bis zu 80% ihrer
Anfangsmasse.
Durch schock- und staubgetriebene stellare Winde wird in dieser Phase
das
interstellare Medium mit schwereren Elementen angereichert. Dieses
Material
nimmt dann wieder an der Bildung neuer Sterngenerationen und Planeten
teil,
was die Bedeutung der Roten Riesen für die galaktische
chemodynamische
Entwicklung unterstreicht. Eine Schlüsselfrage zum
Verständnis
des Massenverlustes ist, warum zirkumstellare Staubhüllen im
Roten-Riesen-Stadium
zumeist sphärisch symmetrisch sind, in nachfolgenden
Entwicklungsstadien
(z.B. als protoplanetarischer Nebel) aber oft in Achsensymmetrie (als
bipolare
Nebel) beobachtet werden. Zeitpunkt und Mechanismus dieses
Symmetriebruches
sind zur Zeit Gegenstand der Forschung. Einer der prominentesten
Vertreter
der Roten-Riesen-Phase ist der weit entwickelte Kohlenstoffstern
IRC+10216,
der mit Hilfe der Bispektrum-Speckle-Interferometrie bei verschiedenen
Wellenlängen aufgelöst wurde. Es konnte erstmals gezeigt
werden,
dass die Staubhülle von IRC+10216 eine klumpige Struktur aufweist
mit mindestens fünf Komponenten im Abstand von weniger als 200
Millibogensekunden. Abbildung
3 zeigt fünf Messungen mit dem 6-m-Teleskop, die erstmals
einen
Einblick in die dynamische Entwicklung der inneren Staubhülle
eines
Roten Riesens erlauben. Die bipolare Struktur eines äußeren
schwachen Nebels, der bei 1,2 µm und 1,65 µm aufgelöst
werden konnte, belegt weiterhin, dass sich IRC+10216 bereits in der
Übergangsphase
zu einem protoplanetarischen Nebel befindet, die
Staubhüllen-Symmetrie
sich also bereits in der Roten-Riesen-Phase wandelt.
Neben verschiedenen stellaren Objekten konnten auch
bereits
Seyfert-Galaxienkerne
mit der Bispektrum-Speckle- Interferometrie untersucht werden.
Seyfert-Galaxien
gehören ebenso wie z.B. Quasare zur Klasse der aktiven Galaxien,
in
deren Zentren sich wahrscheinlich supermassive Schwarze Löcher mit
Massen von etwa 106 bis 109 Sonnenmassen
befinden.
Die nahe Seyfert-Galaxie NGC 1068 ist besonders gut zur Erforschung der
innersten Bereiche geeignet. Mit dem 6-m-Teleskop konnten wir dieses
Schlüsselobjekt
erstmals mit beugungstheoretischer Winkelauflösung von 76
Millibogensekunden
bei der Wellenlänge 2,2 µm untersuchen. Im rekonstruierten
Bild
(Abb. 4) sieht man eine sehr kompakte Struktur (gelbe Farbe) mit
einer Ausdehnung von nur 20 x 40 Millibogensekunden bzw. 1,5 x 3 Parsec
(bei einer angenommen Entfernung von 14 Mpc) und eine sehr schwache
ausgedehntere
Struktur (rot). Dieses Bild zeigt wahrscheinlich den Staubtorus oder
streuendes
Material oberhalb und unterhalb des Torus.

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Abbildung 4: Hochaufgelöstes Bild
(Falschfarbendarstellung)
des Kerns der Seyfert-Galaxie NGC 1068. |
Infrarot-Interferometrie mit großen
Teleskop-Abständen. Abbildung 5 zeigt zwei der
ersten
Infrarot-Michelson-Interferogramme,
die mit dem GI2T-Zwei-Teleskop-Interferometer in Frankreich und unserem
Infrarot-Strahlvereinigungsinstrument aufgenommen wurden. Die
Michelson-Interferogramme
wurden durch einen Spektrographen spektral dispergiert. Das hat den
Vorteil,
dass man für jede Wellenlänge im Bereich von 2,00 µm
bis
2,18 µm ein monochromatisches Interferogramm erhält. Diese
spektroskopische
Information ist für viele astrophysikalische Projekte sehr
wichtig.
Die Kombination von Interferometrie und Spektroskopie nennt man
Spektro-Interferometrie.
Neben vielfältigen astrophysikalischen
Anwendungsmöglichkeiten
hat die Spektro-Interferometrie auch den Vorteil, dass man an der
Neigung
der Interferenzstreifen die Genauigkeit der Justierung, den sogenannten
optischen Weglängenfehler, äusserst präzise ablesen
kann.
Im rechten Interferogramm ist deutlich eine Streifenkippung zu sehen.
Aus
solchen Interferogrammen konnte unter anderem der Winkeldurchmesser von
Sternen abgeleitet und außerdem auch noch Informationen über
Strukturen auf Sternoberflächen gewonnen werden. Ein
ähnliches
Strahlvereinigungsinstrument, das AMBER-Instrument, wird zur Zeit von
Instituten
in Frankreich und Italien, der Europäischen Südsternwarte und
unserem Institut für das Very Large Telescope Interferometer
(VLTI)
entwickelt. Das VLTI ist das leistungsstärkste
Infrarot-Interferometer,
das zur Zeit gebaut wird. Es wird einmalige Bilder liefern, die bis zu
100mal schärfer als HST-Bilder sein werden. Das AMBER-Instrument
wird
durch seine Glasfasertechnik zur Strahlvereinigung äußerst
genaue
Messungen mit sehr hoher spektraler Auflösung im Spektralbereich
von
1 bis 2,5 µm ermöglichen. Im Jahr 2002 werden die ersten
VLTI/AMBER-Messungen
beginnen.

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Abbildung 5: Zwei spektral dispergierte
Michelson-Interferogramme,
die im infraroten Spektralbereich mit dem
GI2T-Zwei- Teleskop-Interferometer
mit 14 m Teleskopabstand aufgenommen wurden. Aus solchen
Interferogrammen
werden Durchmesser von Sternen und Informationen über Strukturen
auf
Sternoberflächen abgeleitet.
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