Jahresbericht 1999 (Astronomische Gesellschaft)
MPIfR Gruppe Optische & Infrarot-Interferometrie


Optische und Infrarot-Astronomie

Es wurden mit dem russischen 6-m-Teleskop Bispektrum-Speckle-Interferometrie-Messungen von jungen stellaren Objekten, Sternen in späten Entwicklungsstadien und aktiven Galaxienkernen durchgeführt. Die Auflösung der rekonstruierten Bilder ist beugungsbegrenzt und damit höher als die Auflösung des Hubble Space Telescopes.

Mit dem 6-m-Teleskop konnten beugungsbegrenzte Bilder von 13 O- und B-Sternen im Orion-Nebel, darunter auch die vier Trapez-Sterne, mit bisher unerreichter Winkelauflösung im nahen Infrarot gewonnen werden. In unseren Speckle-Bildern konnten insgesamt 8 nahe Begleiter der Primärsterne gefunden werden. Dabei konnten wir erstmals die Existenz eines sehr nahen Begleiters von tex2html_wrap_inline13 C, dem leuchtkräftigsten Stern im Orion-Nebel, mit einer Separation von nur 33 Millibogensekunden (etwa 16 AE) nachweisen. Aus den Helligkeitsverhältnissen der Doppel- und Mehrfachsterne im H- und K-Band konnte die Leuchtkraft und Effektivtemperatur und daraus die Masse der Begleitsterne abgeschätzt werden. Dabei zeigte sich, daß sämtliche Begleiter wesentlich geringere Massen (etwa 1 - 5 Msun) als die jeweiligen Primärsterne (M > 8Msun) haben. Unsere Ergebnisse zeigen, daß die Multiplizität der massereichen Sterne in der Orion-Sternentstehungsregion deutlich höher als bei massearmen Sternen ist. Dies unterstützt die Theorie, nach der massereiche Sterne durch die Kollision und Koagulation von Protosternen im dichten Zentrum junger Sternhaufen entstehen.

Außerdem wurden beugungstheoretische Bispektrum-Speckle-Interferometrie-Messungen von mehreren jungen stellaren Objekten mit Ausströmungen (u.a. S140 IRS1, LkH tex2html_wrap_inline23 198, AFGL2591) bei nahinfraroten Wellenlängen durchgeführt. Zur detailierten Interpretation der Daten wurden Strahlungstransportrechnungen durchgeführt.

Ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeiten war die Untersuchung der jungen stellaren Population im Sternhaufen IC 348 und der Upper Scorpius OB Assoziation. Aus tiefen Nahinfrarot-Bildern bestimmten wir die Leuchtkraftfunktion von IC 348 und benutzten sie zur Modellierung der ursprüglichen Massenfunktion dieses jungen Sternhaufens. Unsere Ergebnisse zeigen, da\3 die stellare Massenfunktion von IC 348 sehr gut mit der Massenfunktion der Feldsterne übereinstimmt und daß die Population der braunen Zwerge in IC 348 relativ klein sein mu\3. In einer detailierten Studie der Upper Scorpius OB Assoziation konnten wir interessante Einblicke in die Sternentstehungsgeschichte dieser Assoziation gewinnen. Unsere Ergebnisse legen nahe, daß der Sternentstehungsprozeß in Upper Scorpius durch die Stoßwelle einer Supernova-Explosion in einer benachbarten OB Assoziation ausgelöst wurde; nur 1 bis 2 Millionen Jahre später wurde durch die Supernova-Explosionen der massereichsten Sterne in Upper Scorpius und die damit verbundene Zerstörung der restlichen Molekülwolkenklumpen der Sternentstehungsprozeß wieder beendet.

Mit dem russischen 6-m-Teleskop wurden auch Speckle-Messungen des Kohlenstoffsterns IRC+10216 im J-, H- und K-Band durchgeführt. Die rekonstruierten Bilder zeigen in ihrem Zentrum mehrere aufgelöste Komponenten, die von einem schwächeren, annähernd bipolaren Nebel umgeben sind. Die K-Band-Ergebnisse von fünf verschiedenen Epochen zeigen, daß sich Abstände, Strukturen und relative Helligkeiten der inneren Komponenten im Laufe von 3 Jahren stark verändert haben. Die Relativgeschwindigkeit einzelner Komponenten wurde für den Zeitraum von 1995 bis 1998 zu tex2html_wrap_inline25 23mas/a tex2html_wrap_inline25 14km/s (bei einer Entfernung von 130pc) bestimmt. Dies kann als Bewegung des Innenrandes der Staubhülle relativ zum Stern interpretiert werden. Die Veränderungen der inneren Staubhülle sind dabei nicht direkt an die stellare Pulsation gekoppelt, sondern laufen auf längeren Zeitskalen ab. Die Morphologie dieses Objektes legt nahe, daß die hellste Staubkomponente nicht mit dem Zentralstern koinzidiert, sondern vielmehr der dem Beobachter zugeneigte Teil des bipolaren Nebels ist. Die Auswertung von HST-Polarimetrie-Daten belegt, daß sich der Ort des Zentralstern stattdessen nahe der anfänglich zweithellsten Komponente befindet. Dies wird durch zweidimensionale Strahlungstransportrechnungen bestätigt. Daß bipolare Strukturen sonst kaum in den Staubhüllen von AGB-Sternen beobachtet werden, aber typisch sind für die Morphologie proto-planetarischer Nebel, ist ein starkes Indiz dafür, daß IRC+10216 sich nicht nur unmittelbar vor dem Ende seiner AGB Entwicklung befindet, sondern bereits in die Transformationsphase zu einem proto-planetarischen Nebel eingetaucht ist. Es wurden auch die Staubhüllen mehrerer sauerstoffreicher AGB-Sterne untersucht. Beispiele hierfür sind die AGB-Objekte AFGL2290 und CIT3.

Es wurden ebenfalls die systematische Untersuchungen zur Entwicklung und Morphologie zirkumstellarer Staubhüllen von massereichen Sternen in späten Entwicklungsphasen fortgesetzt, die bislang die Überriesen IRC+10420, Cas, Cep, NMLCyg und VYCMa einschliessen.

NMLCyg ist dabei eine der prominentesten Infrarot-Quellen am Nordhimmel. Es handelt sich um einen der leuchtkräftigsten galaktischen Überriesen, einen weit entwickelten OH/IR Stern, der aufgrund starker Massenverluste bereits von einer ausgeprägten zirkumstellaren Staubhülle umgeben ist. Es wurden beugungsbegrenzte 2,13µm-Speckle-Messungen durchgeführt, die diese Staubschale deutlich auflösen. Der Durchmesser der Staubschale wurde zu 121mas bestimmt. Zur Interpretation dieser Daten werden Strahlungstransportrechnungen für die zirkumstellare Hülle durchgeführt. Modellierungen der spektralen Energieverteilung, der 2,13µm-Visibilität und der 11.15m-Visibilität zeigen, daß - wie schon im Falle von IRC+10420 - die Staubschale aus mehreren Komponenten zu bestehen scheint. Standard ``Uniform Outflow'' Modelle können die Beobachtungen nicht reproduzieren. Es müssen stärker abfallende Dichteverteilungen in verschiedenen Komponenten angenommen werden. Letzteres kann als zeitlicher Anstieg der Massenverlustrate interpretiert werden. Die hohen Massenverlustraten zeigen, daß NMLCyg bereits in die Superwind-Phase eingetreten ist und sich somit vermutlich am Ende des Roten-Überriesen-Stadiums befindet. Dieses Objekt kann somit als unmittelbarer Vorgänger von IRC+10420, der sich bereits in der Übergangsphase zum Wolf-Rayet-Stern befindet, gesehen werden.

Es wurden umfangreiche Sternentwicklungsrechnungen durchgeführt, die sowohl Roten Riesen auf dem Asymptotic Giant Branch (AGB) als auch Zentralsterne Planetarischer Nebel und Weiße Zwerge einschliessen. Die Entwicklung von AGB-Sternen wird zum einen geprägt durch thermische Instabilitäten der Helium-Brennschale (Thermische Pulse) und den damit verbundenen Mischprozessen (3 tex2html_wrap_inline39 Dredge-Up), tiefreichenden Hüllenkonvektionszonen, die bei massereicheren AGB-Sternen in die Wasserstoff-Brennschale eintauchen können (hot bottom burning), und hohe Massenverluste, die schließlich zur Ausbildung einer zirkumstellaren Staubhülle führen und das interstellare Medium mit prozessierten Material anreichern. Ein Schwerpunkt der Studien lag insbesondere auf der Untersuchung zusätzlicher Mischprozesse außerhalb klassischer Konvektionszonen, die zur Erklärung vielfältiger Beobachtungen unerläßlich scheinen. So wurde der Einfluß diffusiven ``Overshoots'' für verschiedene Anfangsmassen untersucht, wie z.B. hinsichtlich der Bildung von Kohlenstoffsternen oder der Erzeugung extrem lithiumreicher AGB-Sterne. Es wurden ebenfalls Rechnungen mit overshoot für Thermische Pulse in der Post-AGB-Phase durchgeführt (``born again scenario''). Diese Rechnungen zeigen erstmals Dredge-Up für Post-AGB-Sterne und führen zu wasserstoffarmen Zentralsternen. Die Berücksichtigung von overshoot erlaubt erstmals eine quantitative Erklärung der beobachteten Häufigkeiten von Wolf-Rayet Zentralsternen oder PG1159 Sternen. Studien zu Weißen Zwergen mit Heliumkernen und ihrer Bedeutung für die Altersbestimmung von Millisekundenpulsar-Systemen (Pulsar+Weißer Zwerg) wurden weitergeführt. Entwicklungsrechungen zeigen, daß hier das Wasserstoffbrennen nicht verlischt, sondern die Kühlung lange signifikant verzögert. Die resultierenden Kühlalter sind im Einklang mit dem Pulsar-Spin-Down Alter, und eine vormals oft diskutierte Diskrepanz zwischen den Kühlaltern Weißer Zwerge und Spin-Down Altern von Pulsaren scheint nicht zu existieren. Fernerhin wurden die Arbeiten zur Berücksichtigung von Rotation in den Rechnungen fortgesetzt. Ein Schwerpunkt lag dabei in der Untersuchung verschiedener rotationsinduzierter Mischprozesse und des diffusiven Drehimpulstransportes.

Bispektrum-Speckle-Interferometrie-Untersuchungen der Seyfert-Galaxie NGC 1068 wurden fortgesetzt. Die Rekonstruktionen zeigen eine sehr kompakte Struktur mit einer Ausdehnung von etwa 30mas tex2html_wrap_inline25 2pc bei einer angenommen Entfernung von 14Mpc. Der Fluß dieser Komponente bei 2,2µm beträgt 524mJy +/- 57mJy. Weiterhin gibt es ausgedehntere K-Band-Strukturen. Diese Strukturen wurden mit Messungen verglichen, die im optischen und Radio-Wellenlängenbereich mit ähnlicher Auflösung gewonnen wurden. Die ausgedehnteren K-Band-Strukturen werden als gestreutes Licht interpretiert, das seinen Ursprung in der zentralen Quelle oder am Innenrand des Torus hat. Die kompakte Struktur wird als eine Zusammensetzung verschiedener Quellen interpretiert. Zu diesen Quellen gehört thermische Strahlung des Innenrandes des Torus, Licht der zentralen Quelle oder des Torus, das an Staub gestreut wird, der sich zwischen BLR und NLR befindet, und direktes Licht der zentralen Quelle.

IR-Long-Baseline-Interferometrie-Messungen wurden mit dem IOTA-Interferometer in Arizona und dem GI2T-Interferometer in Frankreich durchgeführt. Für die GI2T-Messungen haben wir ein IR-Strahlvereinigungsinstrument gebaut, das erstmalig die Aufnahme von spektral dispergierten IR-Michelson-Interferogrammen ermöglicht hat. Im Spektralbereich von 2,1 bis 2,2µm konnten Michson-Interferogramme gleichzeitig in 128 unterschiedlichen spektralen Kanälen aufgenommen werden. Unsere Mitarbeit am Very Large Telescope Interferometer (VLTI) der Europäischen Südsternwarte und dem Large Binocular Telescope (LBT) in Arizona findet unter anderem im Rahmen von Instrumentierungsprojekten statt. Die Entwicklung der VLTI-Phase-Closure-Kamera AMBER ist ein Kooperationsprojekt von Gruppen der Universitäten Nizza, Grenoble und Florenz und des MPIfR.

Personal: T. Blöcker, T. Driebe, M. George, S. Gong, T. Hannemann, C. Hillemanns, K.-H. Hofmann, P. Irrgang, J. Lichtenthäler, A. Men'shchikov, T. Preibisch, F. Przygodda, R. Osterbart, D. Schertl, G. Schniggenberg, M. Schöller, G. Weigelt, M. Wittkowski,
mit Y. Balega, I. Balega, V. Vasyuk (SAO), D. Mourard, L. Abe, O. Chesneau, S. Ragland, P. Stee, N. Thureau, F. Vakili (CERGA), R. Petrov (Univ. Nizza), F. Malbet (Univ. Grenoble), A. Richichi (Univ. Florenz), W. Traub, M. Lacasse, S. Morel, B. Pras (CfA), V. Coude du Foresto, C. Ruilier (Obs. Paris-Meudon), W. Duschl, M. Scholz (Univ. Heidelberg), A. Fleischer, J.M. Winters (Univ. Berlin), F. Herwig, N. Langer (Univ. Potsdam), D. Schönberner, H. Zinnecker (AIP), H. Holweger, W. Stolzmann (Univ. Kiel), B. Freytag, H.-G. Ludwig (Univ. Kopenhagen), R. Waters (Univ. Amsterdam), A. Zijlstra (UMIST), R. Oudmaijer (Imperial College, London), E. Guenther (Sternwarte Tautenburg), G. Herbig (Univ. of Hawaii).


bloecker@mpifr-bonn.mpg.de.
Last modified on 24-Apr-00.
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